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Subtext

Wir mögen es nicht, wenn man unsere Sprache nicht mag

Giorgia Meloni ist seit ihrer Matura „allergisch“ auf das Deutsche. Allzu viele halten es für hart und hässlich. Aber damit ist jetzt Schluss.

Giorgia Meloni war in der Schule eine Streberin, das gibt sie gern zu. Italiens künftige Regierungschefin spricht drei Fremdsprachen fließend, aber Deutsch kann sie nicht leiden. Eine ihr aufgezwungene mündliche Matura über Thomas Manns „Tod in Venedig“ verfestigte die Aversion: „Ich bin allergisch gegen Deutschland, auch bei Büchern“, gab sie 2019 zu Protokoll. Immerhin: Zumindest hierbei folgt sie nicht Mussolini, der bei so manchem ihrer Fratelli immer noch hoch im Kurs steht. Doch kann uns das zum Troste dienen?

Deutsch hat es schwer, jenseits unserer Sprachgrenzen. Es gilt gemeinhin als hart im Klang, es fehle ihm Melodie und Eleganz, viele halten es gar für hässlich. Wir, die wir es sprechen, tönten dabei abgehackt, aggressiv und autoritär, als würden wir spucken oder bellen. Bitten wir betroffen um Beispiele, spuckt und bellt man uns simple Sätze im Tonfall einer Reichsparteitagsrede ins Gesicht. So reden wir nicht, entgegnen wir im Geiste unseres Präsidenten, sanft und leise, so sanglich wie möglich.

Umsonst: Die Nazi-Schergen auf Hollywoods Leinwänden haben ganze Arbeit geleistet. Was typisch deutsche Begriffe seien, befragte man einmal die Europäer. „Raus“, meinten die Franzosen, „Hände hoch“ die Polen. Den Spaniern fiel „Achtung“, „Alarm“ und „Halt!“ ein. Wir hätten es ahnen können, selbstverständlich – auch wenn wir einsehen, dass es der soeben artikulierten Konsonantenhäufung „lbstv“ an sonorer Schönheit mangelt, und wir alle Zungen bedauern, die sich dabei heillos verknoten.

Auch für Wortungetüme und Schachtelsätze sagen wir „Pardon“, weil „Entschuldigung“ in unseren eigenen Ohren zu sperrig klingt. Wir haben sogar Mark Twain nicht rausgeworfen, als er 1897 im Wiener Presseclub über „Die Schrecken der deutschen Sprache“ spottete, und notieren seinen Vorschlag, die Zeitworte in Nebensätzen „so weit nach vorn zu rücken, bis man sie ohne Fernrohr erkennen kann“. Aber nun sagen wir „Halt“, wie es Spanier von uns erwarten: Deutsch ist keine Sprache der Richter und Henker, sondern der Dichter und Denker. Welch wunderbare Wendungen lassen sich in ihr formen: Fernweh, Zweisamkeit, Weltschmerz, Schadenfreude oder fremdschämen – um solches zu umschreiben, brauchen andere ganze Sätze.

Die Direktheit, die unserer Rede eignet, hat für in verbaler Etikette erstarrte Asiaten etwas Befreiendes. Und wenn für Signora Meloni sogar Thomas Mann nicht klangschön genug war, werfen wir auch noch unsere lyrische Wunderwaffe Rilke ins Gefecht, aufmunitioniert mit Alliterationen: „Wie eine leise Liebeslaute, / die einsam einst ein Meister baute, / als seine Seele Sehnsucht sang“. Mit solchem Wohlklang erobern wir weder die Welt noch ihre Wirtschaft, aber die Herzen – so friedlich wie noch nie.

karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2022)