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Mini-Serie

Kenneth Branagh als Boris Johnson in "This England": Überzeugender als das Original

This England - S1
Das Land in der Krise, Premier Boris Johnson (außergewöhnlich gut: Kenneth Brenagh – blond, mit Zahnprothese und Auspolsterungen) im Liebestaumel mit Freundin Carrie Symonds (Ophelia Lovibond).(c) Sky (Phil Fisk)
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Die Serie „This England“ zeigt Boris Johnson taumelnd zwischen Brexit-Euphorie und Covid-Chaos. Oscar-Preisträger Kenneth Branagh spielt den Ex-Premier herausragend.

Die Queen hat immer das letzte Wort. Bis zum Schluss. Ihr Tod am 8. September hatte auch den Starttermin der Mini-Serie „This England“ nach hinten verschoben. Wobei Elizabeth II., anders als in „The Crown“, diesmal keine große Rolle spielt; wenn sie vorkommt, nur in Weihnachtsansprachen im TV. Eines haben „The Crown“ und „This England“ aber gemeinsam: Hier wird reales Geschehen möglichst genau nacherzählt, und mit kleinen fiktionalen Details gespickt.

Im Mittelpunkt steht diesmal Premierminister Boris Johnson und sein Kabinett in Downing Street Nr. 10. Fast drei Jahre reist „This England“ zurück, in den Herbst 2019. Johnson war erst im Juli zum Parteichef der Konservativen und damit Premier gemacht worden. Seine Mission lautete: „Get Brexit done.“ Danach wollte er das Land umkrempeln. „2020 wird ein Jahr des Wohlstandes und der Hoffnung“, sagte er. Doch Johnson hatte die Rechnung ohne das Coronavirus gemacht. Auch privat waren es bewegte Zeiten für ihn: Seine Partnerin Carrie Symonds (gespielt von Ophelia Lovibond), die später seine Ehefrau wurde, erwartete ein Kind von ihm. In „This England“ werden harte Covid-Krisensitzungen und Parlamentsdebatten mit Szenen aus dem Urlaub und am Frühstückstisch gegengeschnitten. Der Chef fehlt oft bei wichtigen Entscheidungen.

Was ist echt, was nachgestellt?

Dazwischen montiert Regisseur Michael Winterbottom reale Nachrichtenberichte und echte oder gestellte Bilder von Coronapatienten auf überlasteten Intensivstationen. So entsteht ein atemloses, beklemmendes Sittenbild von einem Land, das völlig unvorbereitet von der Pandemie getroffen wurde.

Die Serie sollte man sich schon allein wegen Oscar-Preisträger Kenneth Branagh ansehen. Er spielt den Premier außergewöhnlich präzise. Nicht nur, dass er spricht und gestikuliert wie Johnson, er sieht auch so aus. Branagh trägt Zahnprothese, Pölster an Bauch und Gesicht, weißblonde Haare. Und es gelingt ihm trotz der plakativen Maske, ein differenziertes Bild von Boris Johnson zu zeichnen: ein rastlos-manischer Zeitgenosse, zu Mitarbeitern und engen Vertrauten fast überschwänglich nett. Zu Hause nachdenklich und liebevoll, getroffen von der Ablehnung seiner vier großen Kinder, die ihm die Trennung von ihrer Mutter nicht verzeihen. Ein Intellektueller, der zwar ständig eines seiner großen Vorbilder Shakespeare oder Churchill zitiert, aber das Virus unterschätzt. Lange Zeit erklärte er, das beste Mittel gegen die Ausbreitung von Covid sei Händewaschen. Großartig gezeichnet ist auch Johnsons Spindoctor Dominic Cummings (gespielt von Simon Paisley), der sich schon im Lockdown eins nicht an Regeln hielt, die er selbst aufgestellt hatte und gehen musst.

In Großbritannien sorgte die Serie für Debatten. Wie könne man über die Coronapolitik des Landes urteilen, obwohl die Pandemie noch gar nicht zu Ende sei, fragten viele. Doch gerade die aktuelle Lage zeigt, wie sich Johnsons Chaos-Politik unter seiner ebenfalls taumelnden Nachfolgerin Liz Truss fortsetzt. Einige Protagonisten aus der Serie sind heute immer noch oder wieder im Amt. Nur Johnson nicht, sein Rücktritt fehlt in der Serie. Gedreht wurde schon ab Juni 2020, den unrühmlichen Abgang im Sommer 2022 wollte man nicht mehr extra nachdrehen.

„This England“, seit 6. Oktober auf Sky.