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Der „Connected Worker“ rückt in den Fokus

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Industrie 5.0 ist für Eva Schönleitner, Geschäftsführerin des Start-up Crate.io, ein wichtiger Schritt, um Fabriken in Zukunft noch besser und leichter zu managen.

Frau Schönleitner, Crate.io ist in der IIoT-Branche bekannt für seine innovative Datenbank. Ist Industrie 4.0 somit bereits gelebter Alltag?

Schönleitner: Absolut! CrateDB ist eine multimodale Datenbank für Digitalisierung und für Echtzeitanalyse. Sie ist in der Lage, riesige Datenmengen aus verschiedenen Quellen in Echtzeit aufzunehmen und zu verwalten. Dadurch werden Unternehmen in die Lage versetzt, Daten in Business Value umzuwandeln. Crate.io wurde in einem industriellen Umfeld gegründet, daher war das Produkt ursprünglich auch als Datenbank ausschließlich für den industriellen Markt angedacht. Viele unserer Kunden kommen aus dem IIoT-Bereich, aber die Technologie selbst ist in vielen Industrien anwendungsfähig. Zum Beispiel haben wir einen Kunden, der verwendet die Datenbank, um bei Sport-Liveübertragungen in Echtzeit zu analysieren, welche Zielgruppen z. B. welche Devices nutzen und welche Werbungen konsumiert werden. Anwendungsfälle können aber auch Cybersecurity oder Retail sein. Das heißt, unsere Zielgruppen und der Markt haben sich gleich vervielfacht, weil unsere Technologie in vielen Industrien und Segmenten angewendet werden kann.

Eva SCHÖNLEITNER. Die gebürtige Gmundnerin Eva Schönleitner hat mehr als 20 Jahre Erfahrung im Bereich Technologie und Industrie vorzuweisen. Sie studierte Chemie und Mathematik an der Johannes-Kepler-Universität in Linz, absolvierte danach an der Emory University in Atlanta ihren MBA in Finance und Marketing, ehe sie bei IBM anheuerte. Ihre berufliche Karriere führte sie durch sämtliche renommierte, globale Unternehmen wie Deloitte, Microsoft, VMware und Sage Software. Zuletzt war sie Leiterin der digitalen Partnerschaften bei ABB in der Schweiz. Seit 2020 ist sie in der Rolle des CEO beim Vorarlberger Tech-Unternehmen Crate.io.

Jetzt reden alle von der Industrie 5.0. Wie sieht es mit dem Übergang zu diesem neuen Model aus?

Es ist ein fließender Übergang, der im Grunde aus drei Phasen besteht. Grob gesagt ging es bei der Industrie 4.0 um die Automatisierung mit neuen Technologien. Hier sind wir voll dabei. Sowohl im Smart Manufactoring und der Smart Factory wird versucht, Technologien noch effizienter anzuwenden, um die nächste Generation von Automatisierung zu erreichen und Qualität und Sicherheit zu verbessern, Supply Chains zu optimieren, Fehlerquellen zu reduzieren usw. Bei Industrie 5.0 ist nun der verstärkte Blick auf den Menschen gerichtet, um Fabriken, in denen Mensch und Maschine interagieren, besser zu managen. In der Theorie gibt es Industrie 5.0 schon länger. Es begann mit dem einzelnen Arbeiter bei einer Maschine. Hier ging es darum, den Prozess zwischen einer Person und einer Maschine zu optimieren. Im zweiten Stadium übernahm der Computer ganze Bereiche, etwa in Form von Operation Dashboards, um Prozesse effizienter zu machen. Da gibt es dann eine Zentrale, von der aus gesteuert wird. Nun kann man aber mit den neuen Technologien auf den einzelnen Mitarbeiter die Verbindung schaffen, um eine Optimierung zu erzielen. Und in dieses dritte Stadium tauchen wir gerade ein. Hier geht es darum, dass man nicht mehr nur Maschinen und Prozesse verbessert, sondern das Entscheidende ist, wie die Mitarbeiter mit den Prozessen interagieren. Das ist die Geburt des Connected Workers.

Es klingt zwar sehr gut, den Menschen in die Digitalisierung mit einzubeziehen, aber ist es wirklich realistisch, dass das auch tatsächlich passiert?

Ja, der Connected Worker rückt immer stärker in den Fokus. Und das Schöne ist, wir haben mit CrateOM eine der Lösungen parat. OM steht für Operation Management und soll die Workflows zwischen Mensch und Maschine verbessern. Der Grundstock zu CrateOM fiel lang, bevor es den Terminus Industrie 5.0 gab. Begonnen hat es mit einem Pilotprojekt für die Firma Alpla, ein weltweit führendes Unternehmen für innovative Verpackungslösungen und -herstellung. Das Unternehmen hat weltweit Fabriken und beschäftigt sich schon lang mit dem Thema Smart Factory. Auf diesem Gebiet haben sie mehrere Pilotprojekte gestartet, da hat noch keiner von Industrie 5.0 gesprochen, aber die Visionen gingen schon stark in diese Richtung. Bei einem Projekt erhielten Angestellte der Fabriken sämtliche Prozessinformationen über das Mobiltelefon, um jederzeit ortsunabhängig auf Probleme reagieren zu können. Hierfür hat Alpla CrateOM als Teil ihres Smart Production Program eingeführt. Unser Produkt ermöglicht eine nahtlose Prozesskommunikation zwischen Gerätesensoren und Mitarbeitern, um eine Interaktion in Echtzeit zu bewerkstelligen, die Ressourceneffizienz zu verbessern, Abfall zu reduzieren und die betriebliche Leistung zu steigern. Wir haben festgestellt, dass diese Anwendung nicht nur für diesen Auftraggeber geeignet ist, sondern für den ganzen Markt. Und genau das ist Industrie 5.0, wie es den Unternehmen echten Fortschritt bringen kann. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass Industrie 5.0 auch wirklich stattfinden wird.

Für wen ist das Produkt CrateOM derzeit geeignet und welche Möglichkeiten könnte es in Zukunft geben?

CrateOM ist vor allem für den Herstellermarkt. Eine Applikation für Smart Factory, für Produktionen, die nicht komplett automatisiert oder rein manuell sind, sondern Mitarbeiter in maschinengesteuerte Prozesse integriert. CrateOM eignet sich für Industrie 4.0, die nun den Schritt zu Industrie 5.0 setzt und Mitarbeiter einbindet, um die Fabrik ganzheitlich, einfach und effektiv zu managen. Ende 2021 haben wir die erste Version auf den Markt gebracht. In diesen Tagen präsentieren wir die zweite Version von CrateOM, mit vielen neuen Features wie etwa Multi Language, No Code/Low Code. Eine Applikation, die man konfiguriert und in die Fabrik implementiert. Ich sehe noch viele weitere Möglichkeiten vor uns. Wir sind gerade dabei, uns mit vielen großen Partnern zu vernetzen – mit Manufacturing-Execution-Systemen, ERP-Systemen usw. Durch die Vernetzung werden sich automatisch neue Lösungen finden.

Welche Technologien sind bei Industrie 5.0 am wichtigsten und welche Technologien werden sich diesbezüglich weiterentwickeln?

KI- und maschinelle Lerntechnologie werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Viele Technologien wie Konnektivität, visuelle Bilder, Echtzeitanalyse von Sensordaten, Bilder, Videos und KI sind heute schon verfügbar. Crate.DB ist eine Kernkomponente davon. Bei Industrie 5.0 handelt es sich sehr oft um Industrie-4.0-Anwendungsfälle, die dann übernommen werden. In der Weiterentwicklung der Mobiltelefone sehe ich Potenziale, die Industrie 5.0 beflügeln können. Wichtige Themen werden Technologien direkt an bzw. auf der Person, wie zum Beispiel Wearables und Vision Systems. Virtual Reality (VR) hat sich in der Fabrik bisher als nicht geeignet herausgestellt, weil das Gesichtsfeld vollkommen abgedeckt ist. VR ist eher für eine Büro-Umgebung, in der man sich interaktiv mit anderen vernetzen kann. Für die Smart Factory sind Extended Reality (XR) oder Augmented Reality (AR) besser geeignet. Zum Beispiel Datenbrillen mit immer intelligenteren Assistenzen. Hier wird es spannende Weiterentwicklungen geben, AR in Helmen oder AR-Datenbrillen mit Overlays. Zunehmend wichtiger werden mit der Industrie 5.0 auch Themen wie Voice Recognition, Multi Language. Hier wird sich viel tun und Prozesse auch in der globalen Zusammenarbeit vereinfachen.

Wie rasch erwarten Sie den Übergang von Industrie 4.0 zu Industrie 5.0?

Industrie 4.0 ist bei den Leading Companies längst angekommen und die ersten Anwendungsfälle sind implementiert. Viele Herstellerfirmen sind am Ausprobieren. Bei vielen Anwendungsfällen wird es ein Mittelding aus Industrie 4.0 und Industrie 5.0 sein und es hängt immer davon ab, worauf man den Fokus lenkt: Entweder stärker auf den Mensch oder die Maschine. In jedem Fall ist der vorausgesagte Wachstumsmarkt für Industrie 5.0 sehr hoch. Laut Grand View Research aus San Francisco war das Marktvolumen von Smart Factory im Jahr 2021 bei rund 236 Milliarden Dollar. Bis 2028 soll es auf 590 Milliarden Dollar anwachsen, also fast eine Verdreifachung. Ein großer Teil davon wird auf Technologien für Smart-Factory-Mitarbeiter abfallen – es ist also ein extrem stark wachsender und zukunftsträchtiger Markt, wo die meisten Firmen mitten im Implementieren sind.

Sehen Sie auch Herausforderungen, die es zu meistern gilt, um dieses Ziel zu erreichen?

Es mangelt nicht an den Technologien, sondern an der Standardisierung und Skalierbarkeit. Viele Lösungen kommen auf den Markt, mit unterschiedlichen Visionen. Ohne Standardisierung wird es schwer, herauszufinden, welche Technologien zu den jeweiligen Industrien passen. Bei der Skalierbarkeit macht es einen Unterschied, ob es einen Use Case für eine geringe Anzahl von Maschinen und Personen gibt oder ob Industrie 5.0 global auf extrem viele Menschen, Maschinen und Usecases in Echtzeit ausgerollt wird und sich zahlreiche Hürden in den Weg stellen, wie z. B. verschiedene Zeitzonen, unterschiedliche Sprachen, qualitativ abweichende Internetverbindungen, Unmengen an Daten. Damit das hochperformant laufen kann, wird es noch weitere Technologien benötigen und eine sehr skalierbare Infrastruktur.

Sie kennen sowohl den amerikanischen als auch den europäischen Markt. Für wen sind die Rahmenbedingungen für Industrie 5.0 besser?

Den größten Unterschied sehe ich beim Thema Datenschutz. Da hat die USA keine festen Grundsätze. Technologisch gibt es jedoch keine großen Unterschiede zwischen Europa und den USA. Das darf es auch nicht geben, denn für internationale Firmen, die sowohl Niederlassungen in Europa wie auch in den USA haben, muss die Anwendung technologisch gleich sein – also zum Beispiel von der Ausrüstung und der technologischen Architektur. Würde es da zu viele Variationen geben, würde es rasch zu komplex werden und damit kontraproduktiv. Und das wäre nicht im Sinne der eigentlichen Industrie-5.0.-Vision.