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Geldpolitik

EZB steht vor erneutem Jumbo-Zinsschritt

APA/AFP/BRENDAN SMIALOWSKI
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Experten zufolge werden die Euro-Wächter um EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag auf ihrer Ratssitzung wahrscheinlich die Zinsen wie im September um einen Dreiviertel-Prozentpunkt erhöhen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird Volkswirten zufolge nächste Woche im Kampf gegen die zuletzt fast zweistellige Inflation im Euroraum mit einem erneuten Jumbo-Zinsschritt nachlegen. Nach ihrer Einschätzung werden die Euro-Wächter um EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag auf ihrer Ratssitzung wahrscheinlich die Zinsen wie im September um einen Dreiviertel-Prozentpunkt erhöhen.

"Wir gehen davon aus, dass die EZB auf der Oktober-Sitzung alle drei Schlüsselzinssätze um 75 Basispunkte anheben wird, so dass der Einlagesatz dann bei 1,50 Prozent liegt", meint Europa-Chefökonom George Buckley vom japanischen Bankhaus Nomura. Dies ist der zurzeit maßgebliche Zins für die Finanzmärkte. Das Treffen ist die vorletzte geldpolitische Sitzung in diesem Jahr. Die letzte EZB-Zinssitzung 2022 ist dann am 15. Dezember.

"Vor allem Sorgen um die hohen Inflationsraten, die uns auch 2023 begleiten werden, und die Gefahr, dass sich die Inflationserwartungen entankern könnten, dürften die EZB zu diesem beherzten Schritt veranlassen", meint auch Europa-Ökonomin Ulrike Kastens von der Fondsgesellschaft DWS. Notenbank-Experten sprechen von einer Entankerung der Erwartungen, wenn diese sich immer weiter vom Inflationsziel der EZB entfernen. Das will die Notenbank unbedingt verhindern: Denn wenn sich der starke Preisschub erst einmal in den Köpfen festsetzt, wird es für sie noch schwieriger, die Inflation zu bändigen. Und die Gefahr ist gegeben: So rechneten Verbraucher nach einer EZB-Umfrage vom August damit, dass auf Dreijahressicht die Inflation noch bei 3,0 Prozent liegen wird. Damit würde das EZB-Ziel von 2,0 Prozent weiter verfehlt.

Rekordinflation im Euroraum

Im September war die Teuerung im Euroraum auf 9,9 Prozent geklettert - die höchste Inflationsrate seit Einführung der Gemeinschaftswährung. Und mit einem raschen Abklingen des Preisauftriebs ist angesichts der Energiekrise infolge des anhaltenden Ukraine-Kriegs derzeit nicht zu rechnen. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hat sich auch deshalb für einen robusten Zinsschritt ausgesprochen. Volkswirte gehen davon aus, dass die EZB im Dezember die Zinszügel abermals anziehen wird. Sie würde damit dann wohl das neutrale Zinsniveau erreichen, das eine Wirtschaft weder anheizt, noch bremst. Nomura-Experte Buckley erwartet einen erneuten großen Zinsschritt von 0,75 Prozentpunkten im Dezember. Die Volkswirte der US-Bank Morgan Stanley rechnen dagegen mit 0,50 Prozentpunkten. "Danach nimmt aus unserer Sicht die Geschwindigkeit der Zinserhöhungen ab, wobei die EZB ihren Erhöhungszyklus im März 2023 bei 2,5 Prozent beendet", schreiben sie. Sie haben dabei den Einlagensatz im Blick, der aktuell bei 0,75 Prozent liegt.

Auf der Ratssitzung dürfte Volkswirten zufolge zudem über einen späteren Bilanzabbau und über die Einlagen der Banken bei den Euro-Notenbanken gesprochen werden. Schätzungen zufolge haben Geldhäuser derzeit etwa 4,6 Billionen Euro an Einlagen bei den Zentralbanken des Euro-Raums geparkt - darunter allein 2,1 Billionen Euro an Geldern aus supergünstigen TLTRO-Langfristkrediten der EZB. Das beschert den Instituten laut DWS-Ökonomin Kastens zwischen 35 und 40 Milliarden Euro an Zinsen über den Einlagensatz. "Wir rechnen damit, dass die EZB dies durch weniger großzügige Konditionen bei Langfristtendern einschränken könnte, was mittelfristig zu schnelleren Rückzahlungen bei diesen Tendern führen könnte", sagt die Expertin. Zuletzt hatten Insider berichtet, dass dazu nächste Woche eine Entscheidung getroffen werden könnte. "Schon seit geraumer Zeit sieht die Notenbank die Möglichkeit der Geschäftsbanken kritisch, sichere Gewinne aus den TLTROs zu erzielen", meint Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert.

Viele Experten erwarten zudem, dass die Währungshüter auf dem Treffen die Diskussionen über einen künftigen Abbau der durch die jahrelangen Anleihenkäufe auf fast neun Billionen Euro angeschwollenen EZB-Bilanz fortsetzen werden. Dabei dürften sie zunächst die Anleihenbestände aus dem älteren Kaufprogramm APP im Blick haben, das die EZB 2015 zur Stützung der Konjunktur beschlossen hatte. "Wir denken, dass die EZB ihren Ausblick zu den APP-Käufen bereits nächste Woche abändert, was den Weg ebnet für eine Entscheidung zu den APP-Reinvestitionen schon in diesem Jahr im Dezember", erwarten die Experten von Morgan Stanley. Bisher lautet der Ausblick der EZB zum APP-Programm, dass auslaufende Anleihen auch nach der ersten Zinserhöhung für eine längere Zeit wieder durch neue Bonds ersetzt werden. Zuletzt wurde laut Insidern bei der EZB ein mögliches Startdatum für die Verringerung der Bondbestände im zweiten Quartal 2023 vorgebracht. Entscheidungen seien aber noch nicht gefallen.

(APA)

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