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Junge Forschung

Kriegspropaganda im Fernsehen

Nach der Promotion an der Uni Klagenfurt und Stationen u. a. in Russland und Kanada kehrte Magdalena Kaltseis an ihre „Heimat-Uni“ Innsbruck zurück.
Nach der Promotion an der Uni Klagenfurt und Stationen u. a. in Russland und Kanada kehrte Magdalena Kaltseis an ihre „Heimat-Uni“ Innsbruck zurück.Thomas Böhm
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Die Slawistin Magdalena Kaltseis untersucht, wie in russischen Talkshows – schon lang vor dem Angriffskrieg – rund um die Uhr Stimmung gegen die Ukraine gemacht worden ist.

Angefangen hat alles mit ihrer Faszination für die fremden Buchstaben. „Meine Schwester hat in der Schule das kyrillische Alphabet gelernt, und ich wollte diese ,Geheimschrift‘ unbedingt auch entziffern können“, erinnert sich Magdalena Kaltseis. So kam es, dass die heute 31-Jährige neben Französisch kurzerhand auch Russisch auf Lehramt an der Uni Innsbruck inskribierte. Mit dem russischen Fernsehen beschäftigt sich die gebürtige Oberösterreicherin seit ihrem anschließenden Slawistik-Masterstudium. Später, für ihre Dissertation, hat sie sich auf die Propagandastrategien von Talkshows der beiden wichtigsten staatlichen Sender 2014, das Jahr der Krim-Annexion, fokussiert. „Seither ist die Anzahl von politischen Talkshows rapide gestiegen“, sagt Kaltseis. Liefen damals auf den zwei Sendern rund 50 solcher Shows mit Ukraine-Bezug und Namen wie „Die Zeit wird's zeigen“ oder „Großes Spiel“, so waren es 2022 auf nur einem Sender an die 190.

„Experten“ diffamieren die Ukraine

Relevant ist das auch deshalb, weil die Reichweite der staatlichen Fernsehsender in Russland enorm ist. „Talkshows werden rund um die Uhr gesendet und wechseln sich mit Nachrichtensendungen ab. Andere Formate finden sich fast nur noch an den Randzeiten oder am Wochenende.“ Allerdings scheint das Publikum seit Kriegsbeginn müde geworden zu sein: „Aktuell kommen wieder mehr Unterhaltungssendungen ins Programm.“ Wie muss man sich nun eine russische Polit-Talkshow vorstellen? „Meist gibt es einen Kreis aus Expertinnen und Experten aus Wirtschaft oder Politik, die über die Ukraine sprechen, nennen wir es ,diskutieren‘. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um reine Beschimpfung, Diffamierung und Abwertung“, so Kaltseis. Es gehe darum, das Land verbal niederzumachen, dieser Diskurs lebe von der Wiederholung. Das Besondere: „In Talkshows kann praktisch alles behauptet werden. Hier werden Verschwörungstheorien verbreitet und niemand widerspricht.“ Geladen werden fast ausschließlich Gäste, die Regierung und Kreml unterstützen. „Wie die TV-Propaganda im Februar hochgefahren wurde, war sehr erschreckend zu beobachten“, erinnert sich Kaltseis. „Ich dachte, mehr Sendungen als 2014 geht nicht, bis zum Angriff gab es eine permanente Steigerung – und dann wurde die Anzahl an Talkshowsendungen noch einmal massiv erhöht.“

Für ihre Habilitation an der Uni Innsbruck kehrt die Forscherin – nach einem siebenmonatigen „Ausflug“ an die University of Alberta in Kanada – zu ihren didaktischen Wurzeln zurück: Sie untersucht die Rolle des Native Speaker im Fremdsprachenunterricht. Die russischen Medien hat sie parallel dazu weiterhin auf dem Schirm: Gemeinsam mit ihrem Kollegen Gernot Howanitz analysiert sie Protestkulturen in der Ukraine, in Belarus und in Russland: „Mich interessiert, wie sich diese Proteste visuell und textuell manifestieren.“ Schon in ihrer Doktorarbeit zeigte Kaltseis, wie Fernsehbilder zu Propagandazwecken genutzt wurden. „Bei der Krim-Annexion sah man jubelnde Menschen und wehende Flaggen. Dazu wurde die Nationalhymne gespielt.“ Pathos pur. Andere Einspielungen zeichneten sich durch eine Abwesenheit von Soldaten aus. „Man sieht zum Beispiel zerstörte Panzer, die für eine vermeintlich schwache ukrainische Armee stehen sollen.“

Bereut hat Kaltseis ihren spontanen Entschluss beim Einschreiben an der Uni, nicht nur auf Französisch zu setzen, nie. Im Gegenteil. Sie bedauert, dass Geisteswissenschaften oft unterschätzt werden: „Hier lernt man ein kritisches Denken, das man sich sonst nur schwer aneignen kann. Diese Analysekompetenz ist in unserer schnelllebigen Welt enorm wichtig.“ Sie selbst kann vom Sprachenlernen jedenfalls nicht genug bekommen. Als „gelernte“ Tirolerin zieht es Kaltseis in ihrer Freizeit zwar auch regelmäßig – zu Fuß oder mit dem Mountainbike – in die Berge, doch die Forscherin übt sich zudem in bemerkenswerter Mehrsprachigkeit. Mittlerweile haben sich zum obligatorischen Englisch, neben Russisch und Französisch, Ukrainisch, Bosnisch-Kroatisch-Serbisch und Italienisch gesellt.

Zur Person

Magdalena Kaltseis (31) hat Slawistik und Französisch an der Uni Innsbruck studiert sowie parallel dazu einen Double Degree an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Uni in Moskau gemacht. Promoviert hat sie 2021 an der Uni Klagenfurt. Nach einem Postdoc-Aufenthalt an der University of Alberta in Edmonton (Kanada) forscht sie nun an der Uni Innsbruck.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2022)