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Keine Berührungsängste mit verdächtigen Devotionalien: Krippenfigur in einer Auslage in Neapel.
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Die zwei Gesichter Italiens

100 Jahre nach dem „Marsch auf Rom“ wird eine Partei mit faschistischen Wurzeln Italien regieren. Warum stört es die meisten Italiener nicht, dass etliche der Fratelli d'Italia ein Faible für den Duce haben?

Im April 2018 bekam Ignazio La Russa in seiner Mailänder Wohnung Besuch: Journalisten des „Corriere della Sera“ wollten erfahren, wie der rechte italienische Parlamentarier die 1968er-Proteste erlebt hatte, damals, als junger, neofaschistischer Aktivist. Der Politiker scherzte, zeigte Fotos, erzählte Anekdoten, ließ sich filmen. Dann enthüllte er den verdutzten Reportern seinen „Schatz“: eine Sammlung von faschistischen Devotionalien – Medaillen, Mussolini-Büsten, Reliefs mit Duce-Konterfei. Vor der Statuette des faschistischen Diktators, die auf der Kommode dominierte, witzelte der Politiker: „Bei mir gibt es auch ein kommunistisches Symbol. Einen roten Stern. Ich habe ihn dem Duce unter die Füße gelegt.“

La Russa ist seit gut einer Woche Senatspräsident. Er bekleidet also die zweithöchste Funktion im italienischen Staat. Der Politiker, berüchtigt für profaschistische „Ausrutscher“, hat Fratelli d'Italia mitbegründet. Die Partei von Giorgia Meloni wurde bei der Parlamentswahl im September stärkste Kraft und wird Italien regieren. Bei seiner Antrittsrede gedachte der 75-Jährige seines verstorbenen Vaters: Antonino La Russa war politischer Sekretär der faschistischen Partei Benito Mussolinis gewesen. Dem Faschismus blieb er treu, auch als Parlamentarier nach dem Krieg. Das Video mit La Russas Sammlung kursiert derzeit wieder im Netz: kein Grund für den „Presidente“, sein Amt niederzulegen. Es wird auch gar nicht erwartet.

Es ist eine bittere Ironie der Geschichte: 100 Jahre nach der Machtübernahme Benito Mussolinis wird eine Partei mit faschistischen Wurzeln Italien regieren. Und zwar fast auf den Tag genau: Am 28. Oktober 1922 zogen faschistische Schwarzhemden in Richtung Rom, sie wollten die Hauptstadt „erobern“. Die Stimmung war schlecht. Es regnete, der „Marsch auf Rom“ war unkoordiniert und chaotisch. Der „Duce“ war gar nicht erst aufgetaucht, Mussolini ging in Mailand lieber in die Oper. An die Macht kam er trotzdem. Aus Angst vor einem Bürgerkrieg beauftragte ihn der König am 30. Oktober mit der Regierungsbildung.

Die neofaschistische Flamme

Nach dem 28. Oktober 1922 blickten in Europa viele fasziniert nach Rom, auch Adolf Hitler. Am diesjährigen 28. Oktober wird das Ausland wieder in Richtung Ewige Stadt schauen, genau auf die Worte Giorgia Melonis achten, der künftigen Premierministerin. Zwar distanziert sie sich immer wieder von Aspekten der Mussolini-Diktatur, die Tricolore-Flamme in ihrem Parteilogo spricht aber eine andere Sprache: Die einen sagen, es handle sich um den Geist Mussolinis, andere, es sei das Emblem der Arditi, der Sondereinheit im Ersten Weltkrieg, aus der Mussolinis Schwarzhemd-Schlägertruppe hervorging. Die „Fiamma“ kennzeichnete jedenfalls immer schon den Neofaschismus. Sie war Symbol der Partei Movimento Sociale Italiano (MSI), die faschistische Veteranen nach dem Krieg gründeten. Fratelli d'Italia sind die Erben des MSI. Meloni war schon als Teenager Mitglied.