Weihnachten im grenzwertigen weißen Rauschen

Wer hat je den Schnee rieseln gehört? Und hat es eine tiefere Bedeutung, dass er mit dem gleichen Laut wie Schnupfen beginnt?

Metaware

Das Rieseln des Schnees wurde (gemeinsam mit dem Knistern der Rillen und dem Rasseln der Kehlen) unlängst an dieser Stelle beschworen: als ein Geräusch, das einem durch John Cages Nullkomposition „4'33''“ erschlossen werde. Leser haben darauf skeptisch reagiert: Wer denn je mit eigenen Ohren den Schnee rieseln gehört habe?

Ich gebe zu, das ist nicht leicht. Das Rieseln des Schnees ist sozusagen ein infinitesimales, ein grenzwertiges Geräusch, mehr noch als das Rieseln von Sand. Eine einzelne Schneeflocke fällt genauso lautlos wie ein einzelnes Sandkorn; doch beim Sand wissen wir aus Erfahrung, dass es die Menge macht, dass kollektives Fallen zum hörbaren Rieseln wird (obwohl es schwer ist, den Übergangspunkt zu bestimmen), beim Schnee können wir das nur ahnen, vielleicht mündet das unhörbare Rieseln endlich im Geräusch einer Lawine, das sich der Lawinenunerfahrene sanft und doch grauenvoll vorstellt. Jedenfalls als eine Art weißes Rauschen, als Kontinuum aller hörbarer Frequenzen.

Aus dem kann man alles hören, wenn man nur will. Das bestätigt laut „Süddeutscher Zeitung“ ein Experiment des Psychologen Harald Merckelbach: 32 Prozent der Probanden hören aus einem zufällig generierten weißen Rauschen „White Christmas“ heraus, wenn man ihnen sagt, dass es darin verborgen sei.

Dem weißen Rauschen recht nahe kommt der Laut „sch“, mit dem wir einander auch zur Stille auffordern: Ein „Psst“ wirkt besser, wenn es mit „sch“ statt „s“ gesprochen wird; und es ist ein großer Nachteil der norddeutschen Dialekte, dass sie „still“ mit „s“ statt „sch“ sprechen.

Die Kombinationen von „sch“ mit anderen Konsonanten zählen überhaupt zu den schönsten Seiten des Deutschen. Sie illustrieren die onomatopoetischen Ursprünge der Sprache, so haben Wörter mit „schr“ oft etwas Jähes, Erschreckendes an sich: schrill, schroff, schräg, Schrecken. Mehr noch: Mindestens drei dieser Kombinationen kommen in Wörtern vor, deren Bedeutung den organischen Orten ihrer Entstehung entspricht. Das „schl“ steht für den Schlund – man denke auch an schlingen, schlemmen, schlürfen und schlucken –, das „schm“ wie in schmatzen, schmecken, schmollen und schmusen für die Lippen und den Mund. Klar sind auch Ursprung und Bedeutung von „schn“: die Nase. Das belegen der Schnabel und die Schnauze, das Schnauben und Schnupfen, das Schnuppern und Schniefen, das Schnarchen und Schnaufen.

Wie kommt der Schnee in die Liste? Ich weiß es nicht, vermute aber, dass die nasale Aufnahme mindestens genauso wie die weiße Farbe daran schuld war, dass Kokainisten ihr Rauschgift einst als „Schnee“ bezeichneten. Für uns Verächter des Kokains bleibt das Wissen, dass Schneeluft einen ganz eigenen Geruch hat, nicht zu beschreiben, ganz leise, fast nichtig, und genau deshalb weihnachtlicher als Vanille, Weihrauch und Zimt.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2010)

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