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Übernahme

Entlassungen zum Auftakt: Enfant terrible Elon Musk übernimmt Twitter und wird CEO

Elon Musk auf einem Archivbild.
Elon Musk auf einem Archivbild.(c) REUTERS (ADREES LATIF)
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Die Übernahme ist vollzogen und zum Start feuert Elon Musk die gesamte Chefriege, inklusive seiner schärfsten Kritikerin und jene Frau, die für Trumps Twitter-Bann verantwortlich zeichnete. Doch er will nicht nur Leute entlassen, sondern auch zurückholen. Darunter auch Ex-Präsident Donald Trump.

Das Drama um die Twitter-Übernahme befindet sich im dritten und finalen Akt: Elon Musk hat nun tatsächlich Donnerstagabend den Kurznachrichtendienst Twitter für 44 Milliarden US-Dollar übernommen. Mit Freitagnachmittag war die Übernahme nun auch mit Amt und Siegel abgeschlossen. Twitter informierte die US-Wertpapieraufsicht SEC über den Abschluss und gleichzeitig darüber, sich von der Börse zurückzuziehen. Und wie könnte es anders sein, geht der Machtwechsel in San Francisco alles andere als still über die Bühne. Er hat sich viel vorgenommen und will keinen Stein auf dem anderen lassen und hat bereits jetzt den Chefposten übernommen. Die bisherige Chefetage wurde noch am selben Tag mit Sicherheitspersonal aus dem Hauptquartier begleitet. Dazu zählen Firmenchef Parag Agrawal und Finanzchef Ned Segal. Auch die für den Kampf gegen Hassrede und falsche Informationen zuständige Top-Managerin Vijaya Gadde musste ihren Platz räumen. Sie war es auch, die damals die Sperre über Ex-US-Präsident Donald Trump verhängte.

Rückblick: Anfang April ließ Elon Musk aufhorchen. Über Wochen kaufte er still und heimlich einen Anteil von gut neun Prozent an Twitter-Aktien. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Erst sollte Musk in den Twitter-Verwaltungsrat einziehen. Damit wäre aber die Bedingung verbunden gewesen, dass der Chef des Elektroautobauers Tesla seine Beteiligung an Twitter nicht über 15 Prozent erhöht. Stattdessen schlug er den Sitz im Aufsichtsgremium aus und kündigte an, das Unternehmen kaufen zu wollen. Der Verwaltungsrat startete eine Gegenoffensive. In den darauffolgenden Wochen gab es ein Tauziehen um die Plattform. Schlussendlich lenkte Twitter ein und stimmte dem Verkauf zu. Doch dann wollte Elon Musk plötzlich nicht mehr.  Anfang Juli zog er sein Angebot zurück. Mit der Begründung, dass die ihm vorgelegten Zahlen zu Fake-Accounts unzureichend seien. Twitter zog vor Gericht. Bevor das Verfahren starten konnte, änderte Musk einmal mehr seine Meinung und stimmte dem Deal doch wieder zu.

Trotz des auf Eis gelegten Deals hielt sich Elon Musk mit Kritik an der Twitter-Führung nicht zurück. Musk hatte Agrawal und die Twitter-Führung in den vergangenen Monaten immer wieder kritisiert. Nun mussten sie gehen. Für den Posten des CEO wurde offenbar bereits Ersatz gefunden: Elon Musk persönlich will in der Zwischenzeit das Unternehmen führen. Wer dann nachfolgen soll, ist noch unklar.

„Der Vogel ist befreit“ 

Die Zeit drängte: Der offizielle Abschluss der Übername wurde spätestens für Freitag erwartet. Dann läuft eine vom Gericht gesetzte Frist ab, nach der es im monatelangen Streit zwischen Musk und Twitter rund um den rund 44 Milliarden Dollar schweren Deal zu einem Prozess kommen würde. Eine Richterin setzte Musk und Twitter die Frist bis Freitag um 17.00 Uhr Ostküsten-Zeit (23.00 Uhr MESZ), um die Übernahme nach monatelangem Hin und Her endlich zu regeln.

In üblicher Manier deutet er in der Nacht auf Freitag den erfolgreichen Abschluss auf Twitter an: „Der Vogel ist befreit“. Weitere Details blieben aus. Wobei die Andeutung an das Twitterlogo mit dem zwitschernden blauen Vogel nur wenig Raum für Interpretationen lässt. Nun will er also Twitter befreien. Das heißt, dass er wohl auch weiter das Ziel verfolgt, Twitter von der Börse zu nehmen, um im nächsten Schritt die Plattform von aus seiner Sicht zu starken Einschränkungen der Meinungsfreiheit zu befreien. Kritiker befürchten, dass er damit Hassrede und Hetze Vorschub leisten könnte, gegen die Twitters Teams seit Jahren ankämpfen.

Dass Musk sich doch noch mit seiner neuen Rolle als Twitter-Besitzer abgefunden hat, zeichnet sich schon seit Tagen ab. Bereits am Mittwoch tauchte er in der Konzernzentrale in San Francisco mit einem Waschbecken in den Armen auf. Eine Anspielung auf seinen Tweet „Let that sink in“. (Sink steht im Englischen auch für Waschbecken, Anm. d. Red.) und bezeichnete sich seitdem in seinem Twitter-Profil als "Chief Twit".

Trumps Rückkehr rückt näher

Am Freitag will er sich laut US-Medien in größerem Stil den Beschäftigten dort vorstellen. Das dürfte kein leichter Auftritt für ihn werden, nachdem Musk monatelang öffentliche Kritik am Unternehmen und dessen Führung geübt hatte und zuletzt Berichte über einen großen Stellenabbau für Verunsicherung bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesorgt hatten. Informationen, wonach er drei Viertel der Beschäftigten hinauswerfen wolle, soll er bei seinem Besuch in der Twitter-Zentrale zurückgewiesen haben.

Statt rauszuwerfen, will er aber zurückholen. Dauerhafte Verbote für Nutzer will er abschaffen. Das bedeutet, dass Personen, die zuvor von der Plattform ausgeschlossen wurden, in absehbarer Zeit wieder zurückkehren könnten. Zu dieser Kategorie zählen Kanye West, der sich kürzlich die rechtsextreme Plattform Parler kaufte und auch der ehemalige US-Präsident Donald Trump, der mit Truth Social ebenfalls eine Alternative zu Twitter entwickeln ließ. Beide Plattformen haben nur mäßigen Erfolg. Es ist jedoch unklar, ob Trump in naher Zukunft wieder auf Twitter zugelassen werden würde.

Twitter-Nutzer reagieren mit gemischten Gefühlen

330 Millionen weltweite Nutzer zählt der Kurznachrichtendienst, der 2006 von Jack Dorsey gegründet wurde und sieben Jahre später an die Börse ging. Auf der Plattform sind die Reaktionen über die Übernahme gespalten. Einige sehen in Elon Musk die Chance auf einen Neubeginn mit einer besseren Monetarisierung, besserer Werbung, aber vor allem einer besseren Kontrolle was Hasspostings betrifft. Doch es gibt auch Skeptiker und diese wollen sich gänzlich verabschieden. Für viele liegt die Antwort in Mastodon.

Es handelt sich dabei um eine dezentrale Open-Source-Seite, die sich als demokratische Alternative präsentiert, die frei von den Verzerrungen des Profitmotivs ist. „Ihr Home-Feed sollte mit dem gefüllt sein, was Ihnen am wichtigsten ist“, verspricht die Webseite, „nicht mit dem, was ein Unternehmen denkt, dass Sie es sehen sollten.“

Ob eine Plattform wie Mastodon die Probleme einer Seite wie Twitter löst, hängt davon ab, wie jeder Nutzer die Probleme für sich selbst definiert. Wenn das Problem die lästigen Werbeanzeigen im Feed sind, dann ja. Aber wenn es die Feindseligkeit und Wut und übermäßige Vereinfachung und Mobbing und Fragen stellen und der selbstgefällige Ton eines Großteils des Inhalts ist, ist es vielleicht nicht so.

Mastodon wurde 2016 von Eugen Rochko, einem deutschen Programmierer aus Jena, entwickelt.