Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Bestatter

Lernen, die letzte Reise zu begleiten

Mehr psychische denn physische Belastung: Je nach Position in der „Partie“ fällt das Tragen schwer oder leicht.
Mehr psychische denn physische Belastung: Je nach Position in der „Partie“ fällt das Tragen schwer oder leicht.Bestattung Himmelblau/Willinger
  • Drucken

Berufe im Bestattungsgewerbe seien krisensicher, heißt es. Die Berufsbilder reichen vom Totenabholer und Sargträger bis zum Thanatopraktiker, ausgebildet wird meist im Betrieb.

Anfang November, wenn das jährliche Totengedenken ansteht, rückt die Vergänglichkeit beim Friedhofsbesuch ins Bewusstsein. Dezent im Hintergrund halten sich allerdings jene Menschen, die täglich mit Gevatter Tod – und jenen, die er geholt hat – beschäftigt sind. Obwohl es im Bestattungsgewerbe keine klassische Lehre gibt, braucht es eine Berufsvorbereitung auf den Umgang mit Verstorbenen. Zwar existiert eine Bestattungsakademie, die auf die Befähigungsprüfung als Bestatter vorbereitet. Aber sie steht erst nach zwei Jahren einschlägiger Berufspraxis offen und ist nicht gerade günstig. Deshalb bilden Bestattungsunternehmen, in denen übrigens nur ein Mitarbeiter über den Befähigungsnachweis als Bestatter verfügen muss, neue Mitarbeiter selbst aus.

Der Karriereweg bei der Bestattung Wien beginnt als Totenabholer, der auch für das Waschen, Frisieren und Ankleiden der Verschiedenen zuständig ist. „Totenabholer sargen den Verstorbenen ein und bringen ihn zum Zielfriedhof“, umreißt Andreas Pollassek von der Bestattung Wien. Besondere körperliche Fitness ist dafür nicht nötig, ergänzt seine Kollegin Irene Zöchling: „Es gibt bei der Bestattung Wien einige zierliche Damen, die den Sarg mittragen können und die in einer Viererpartie (vier Sargträger, Anm.) eine dementsprechende Position zugeteilt bekommt.“ Viel diffiziler seien die psychischen Nebeneffekte, sagt Pollassek. „Manche werden mit der Situation nicht fertig und haben Schlafstörungen oder Albträume.“ Deshalb springe nach dem ersten Hineinschnuppern ein gutes Drittel der Bewerber wieder ab.

Aufstieg zur Fachkraft

Der Rest ist „Training on the Job“. Nach einem Probetraining erfolgt die Einschulung. Der Karriereweg führe vom Partieführer zum Arrangeur, der für die Gestaltung eines Begräbnisses zuständig sei, etwa die Halle schmücke und mit Kunden vor Ort kommuniziere, erläutert Zöchling. „Diese Mitarbeiter müssen lernen, in Krisensituationen die richtigen Umgangsformen und Worte zu finden.“

Bei der Bestattung Himmelblau bereitet man neue Mitarbeiter in der hauseigenen Academy auf den belastenden Job vor. Ziel ist der Beruf des Bestattungsassistenten, der mit dem Totenabholer weitgehend ident ist. „Die Ausbildungsprogramme dafür haben wir deshalb ins Leben gerufen, da es eine Ausbildung auf neutralem, externem Level in Österreich nicht gibt“, erklärt Geschäftsführer Klemens Figlhuber. „Wir haben einen hohen Qualitätsanspruch an unsere Leistungen, und nur durch die Ausbildung im eigenen Betrieb können wir das sicherstellen.“ Bei der Einschulung im Lager lernen Mitarbeiter, einen Sarg herzurichten, wie man die Griffe montiert oder wie die Bespannung im Sarg gesetzt wird. Außerdem, wie man einen Sarg etwa durch ein enges Stiegenhaus trägt oder in einem kleinen Lift transportiert. „Das sind Handgriffe, die man einfach lernen muss“, sagt Figlhuber. Danach geht es für die Neueinsteiger mit einem erfahrenen Mitarbeiter an der Seite direkt in die Praxis, wobei zusätzlich das Planen und Abhalten von Trauerzeremonien auf dem Ausbildungsplan stehen. Bei der Bestattung Himmelblau wird nicht zwischen Totenabholer und Sargträger unterschieden, denn Mitarbeiter sollen universell einsetzbar sein. Der Aufstieg vom Bestattungsassistenten zur Fachkraft sei innerhalb eines Jahres machbar, meint Figlhuber, und spiegle sich im Gehalt wider: Ein Assistent erhält etwa 2100Euro brutto, eine Fachkraft rund 3000 Euro und ein Teamleiter 4000 Euro.

Thanatopraxie-Ausbildung

Soll ein Verstorbener optisch verschönert werden – eine Einbalsamierung ist in manchen Ländern vor einer Überführung vorgeschrieben –, kommt ein Thanatopraktiker zum Einsatz. Die Thanatopraxis ist – im Gegensatz zum Embalmer in den USA – in Österreich und Deutschland kein eigenständiger Beruf. Die Ausbildung zum Thanatopraktiker bei der Bestattung Wien, bei der etwa 130 bis 140 thanatopraktische Behandlungen pro Jahr durchgeführt werden, ist an das Berufsbild des Totenabholers und eine langjährige Erfahrung sowie Praxis im Bestattungsgewerbe gekoppelt. Der Lehrgang selbst dauert etwa ein dreiviertel Jahr und findet unter anderem an der Anatomie Graz oder am deutschen Institut für Thanatopraxie statt. „Es wird sehr viel medizinisches und anatomisches Hintergrundwissen vermittelt, es gibt Materialkunde, Instrumentenkunde und Chemie“, erklärt Pollassek. „Der Abschluss erfolgt mittels einer schriftlichen und mündlichen theoretischen Prüfung bei der Handwerkskammer.“ Davor muss der Prüfling 40Thanatopraxien selbst im Alleingang, unter der Aufsicht eines praktizierenden Thanatopraktikers, nachweislich durchgeführt haben. Nach bestandener Prüfung kann das Gewerbe weltweit ausgeübt werden, da internationale Standards gelten. Die Ausbildung zum Thanatopraktiker zählt bei der Bestattung Wien übrigens zur Arbeitszeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2022)