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Streamingtipps

Horror: Im Streamingkabinett des Schreckens

Am Montag ist wieder Halloween – und obwohl es derzeit genug zum Fürchten gibt, können die wohligen Schauer gepflegten Grusels erbaulich wirken. Wir empfehlen hierzu eine Anthologieserie und drei Filme.

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Cabinet of Curiosities

Von Guillermo del Toro u. a., 2022
Zu sehen auf Netflix

Halloween, diese in europäischer Heidentradition wurzelnde und mittels maximalistischer Kapitalismuslogik US-amerikanischer Prägung zum kommerziell relevanten Horrorhochfest ausgebaute Beschwörung von Angstlust am Vorabend von Allerheiligen, führt auch in der schönen, nicht mehr ganz so neuen Streamingwelt zur Massierung von Schauerlichem. Guillermo del Toro, der die westliche Kinofantastik die vergangenen drei Jahrzehnte über so geprägt und popularisiert hat wie kaum ein anderer Filmkünstler, präsentiert in der von ihm ersonnenen und produzierten Anthologie „Cabinet of Curiosities“ acht einstündige Unheimlichkeiten, jeweils unter der Regie eines anderen gut bis exzellent beleumundeten Genreregisseurs. Die Präsentationsform ist anachronistisch – und demnach eine Besonderheit: Del Toro selbst tritt zu Beginn jeder Episode in Erscheinung und moderiert sie so launig wie leidenschaftlich an, nebst ihm eine Wunderkammer en miniature. Eine unzweifelhafte Verbeugung vor ähnlich gelagerten Fernseharbeiten aus dem vergangenen Jahrhundert: Genrekoryphäen wie Rod Serling („Twilight Zone“), Alfred Hitchcock („Alfred Hitchcock presents“) oder Boris Karloff („Thriller“) stellten einst kurzen Schauer- und Spannungsgeschichten ihren guten Namen voran und verhalfen diesen damit zu Glaubwürdigkeit und Beliebtheit. Del Toro, der Analogvergangenheit ebenso zugetan wie der digitalen Gegenwart, pflegt damit auch ein altmodisches Kuratorenideal, das sich gegen die Algorithmus-Empfehlungsblasen der Streamingplattformen stemmt.

Wie die Vorbilder setzt „Cabinet of Curiosities“ auf inszenatorische Diversität, wobei die bisher besten Arbeiten von verlässlichen Handwerkern stammen. Vincenzo Natali, bekannt geworden mit seiner minimalistischen Science-Fiction „Cube“, dockt mit seinem Beitrag „Graveyard Rats“ an morbid-makabre Leichenraub-Horrorkomödien à la „Burke & Hare“ an. Und verlagert die (bessere) zweite Hälfte seiner Moritat gleich komplett unter die Erde. Dort muss die von Gier zerfressene Hauptfigur gegen ein riesenhaftes Rattenungeheuer und einen wieder zum Leben erwachten Kadaver kämpfen, die es – gleich wie er, wenn auch aus anderen Gründen – auf frisch Verstorbene abgesehen haben. Auch fein: David Priors „The Autopsy“, ein feistes Stück kosmischer Horror à la H. P. Lovecraft mit einem glanzvoll aufspielenden F. Murray Abraham, der bei der Obduktion von verunglückten Minenarbeitern mit einer parasitären Kreatur konfrontiert wird. Eher verzichtbar: Ana Lily Amirpours manierierter Bodylotionhorror „The Outside“ und Guillermo Navarros spannungsarmer „Lot 36“.

The Sadness

Von Rob Jabbaz, 2021
Zu sehen auf Amazon Prime

Ein genialischer Auswurf der aktuell laufenden, höchst beeindruckenden Welle an taiwanesischen Horrorfilmen: Ein junges Paar wird unvermittelt in ein apokalyptisches Szenario gerissen, nachdem Taipeh (und wohl die ganze Welt) von wütenden Verseuchten überrannt wird, die als reine Triebkreaturen nicht nur beißen und reißen, sondern auch sexuelle Aggression an den Tag legen. Regisseur Rob Jabbaz inszeniert dieses schwer verdauliche Stück Transgressionskino frenetisch und ohne Tempoverlust, erfreut mit schönster Blut-und-Beuschel-Effektarbeit – und untergräbt den Horror zudem mit (melo-)dramatischen Strömungen. Nur für Hartgesottene!

Hideous

Von Yann Gonzalez, 2022
Zu sehen auf Mubi

Oliver Sim, Bassist und Sänger der britischen Band The xx, lässt sich – also seine Persona – in diesem knapp 22-minütigen Grusical zu eigenem Liedgut de- und rekonstruieren: „Hideous“ ist ein ästhetisch so wilder wie wendiger Ritt durch das Unterholz queerer Identitäten und Angstwelten, ausagiert zwischen Kitsch, Camp und Gore, kulminierend in totaler Herzschmerzlust. Den inszenatorischen Taktstock schwingt dabei der französische Regisseur Yann Gonzalez, in dessen Filmarbeiten Sentimentalismus auf Genresensibilität trifft. Sein „Messer im Herz“, ein herausragender Neo-Giallo mit Vanessa Paradis als Schwulenporno-Regisseurin im Paris der ausgehenden Siebzigerjahre, ist im Übrigen ab 7. November bei Mubi zu sehen.

Cyst

Von Tyler Russell, 2020
Zu sehen auf Amazon Prime

Dieser quietschvergnügte Wiedergänger des tiefer gelegten Monsterfilms aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wertet jeden Halloween-Couchabend auf. Im Jahr 1961 glaubt der vollkommen narrische Dr. Guy (herrlich überdrüber: George Hardy), sein selbst zusammengeschraubtes Lasergerät werde zum Durchbruch bei der Zystenbehandlung führen. Stattdessen aber entwickelt das behandelte Gewächs ein Eigenleben und sorgt in der Praxis für Angst und Schrecken. Was folgt, ist ein knapp über einstündiges Feuerwerk der guten Laune und der platzenden Eiterbeulen – getragen von beherztem, genrekonform hundigem Schauspiel, zur Vollblüte gebracht vom wohl entzückendsten Zystenmonster der Filmgeschichte. Happy Halloween!

 

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