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Unterwegs

Wo einst Portugal war, sind heute Shoppingcenter

Man kann am schönen Land Portugal nicht alles loben. Vor allem nicht öde Einkaufszentren und verrückte Stadtplaner.

Ein sommerlicher Samstag in Viana do Castelo, im Norden Portugals. Die Stadt hat 90.000 Einwohner, rundherum tolle Atlantikstrände und in der Mitte eine reizende Altstadt. Ahnungslos erwarten wir, am späten Nachmittag eintreffend, volkreiches Treiben und südländische Lebensfreude. Fehlanzeige: Die netten, altmodischen Läden sind zu, viele sichtlich für immer. Die Gassen bleiben gähnend leer, auf dem Hauptplatz mit den prächtigen Renaissancepalästen gibt es keine einzige Caféterrasse. Total trostlos. Wo sind die alle? Über Nacht löst sich das Rätsel: Wir wollen am Tag des Herrn einen kleinen Sonnenschirm erwerben und landen in einem Einkaufszentrum. Dort finden wir Hunderte Geschäfte im öden globalen Einheitslook, alle offen, von sehr früh bis ziemlich spät, grimmig runtergekühlt von einer unerbittlichen Klimaanlage. Vor allem aber: voller Leute. Hier sind sie also. Und statt sich mittags in einer bunten Strandbar im Sonnenschein an fangfrischen Sardinen zu laben, stopfen sie sich in einem fensterlosen Food Court unter fahlem Neonlicht ihre Mägen mit Burger und US-Pizza voll. Nun erst erfassen wir den stadtplanerischen Wahnwitz: Shoppingcenter haben zumindest den einen Vorzug, dass sie Autoverkehr aus der Innenstadt abziehen – wenn man sie, wie gemeinhin üblich, in die Peripherie stellt. In Viana aber liegt das „centro comercial“ ganz zentral, direkt neben der Altstadt, aus der es alles Leben abgesaugt hat, wie ein Vampir das Blut seiner Opfer. Nur der Stau ist geblieben. Wir greifen uns an die kalte Stirn. Tudo bem? Bei aller Liebe zu Land und Leuten: Não.

karl.gaulhofer@diepresse.com

Nächste Woche: Christoph Zotter

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2022)