Benjamin Idriz: „Grüß Gott, Herr Imam!“

Benjamin Idriz bdquoGruess Gott
(Muslimische Gemeinde Penzberg)

Benjamin Idriz ist ein untypischer islamischer Geistlicher. Er hält das Kopftuch für verzichtbar und kann sich Frauen als Imame vorstellen. Er selbst will fördern, „dass wir Frauen vor den Männern predigen lassen“.

Er gilt als Deutschlands „Vorzeige-Imam“: Mitten in Bayern, in Penzberg bei München, leitet der 38-jährige gebürtige Mazedonier Benjamin Idriz seine muslimische Gemeinde. Sie ist perfekt ins Kleinstadtleben integriert, die 2005 errichtete Moschee erweckt keine orientalischen Gefühle, sondern ist ein Schmuckstück moderner westlicher Architektur.

„Grüß Gott, Herr Imam“ – den Gruß höre er täglich, sagt Idriz. In Penzberg sei er mittlerweile wie die katholischen und evangelischen Pfarrer Teil des „Wir-Gefühls“. „Grüß Gott, Herr Imam“ heißt auch das Buch, das er nun veröffentlicht hat. Was er darin schreibt, könnte eine pro-muslimische PR-Abteilung nicht perfekter formulieren. Der gute Muslim, wie er Idriz vorschwebt, ist der ideale Staatsbürger, die Scharia ist „eine Sache der Interpretation“, das Kopftuch verzichtbare Tradition; Koranverse vom Krieg seien historisch bedingt und hätten im Euro-Islam keinen Platz. Mädchen sollen zum Schwimmunterricht gehen.

 

„Frauen predigen lassen!“

Im Gespräch mit der „Presse“ kann sich Idriz gar weibliche Imame vorstellen: „Seit 1400 Jahren war keine Frau Imam, es gab nur eine zur Zeit Mohammeds, aber es gibt kein definitives Verbot. Die Theologen müssen darüber diskutieren.“ Er selbst will fördern, „dass wir Frauen vor den Männern predigen lassen“. Leider sei das noch ein Tabu.

Auf der Internetseite „Politically Incorrect“ wird Idriz als Trojanisches Pferd der Islamisten porträtiert. Tatsächlich hievten Kontakte zu konservativen, vom Verfassungsschutz beobachteten Organisationen wie „Milli Görüs“ oder der „Islamischen Gemeinschaft in Deutschland“ (IGD) die Penzberger Gemeinde in den Bericht des Verfassungsschutzes. „Das sind nur lose Gespräche und Begegnungen bei Veranstaltungen“, sagt Idriz. Selbst von konservativem Druck will er nichts wissen – der ist allerdings bewiesen. Idriz hatte 2007 „Milli Görüs“ als verfassungsfeindlich bezeichnet, woraufhin ihm IGD-Präsident Ibrahim El-Zayat telefonisch drohte, die islamischen Organisationen würden ihn nicht mehr unterstützen. Das wirkte – tags darauf erklärte Idriz, er könne die Verfassungskonformität von „Milli Görüs“ nicht beurteilen.

Erzkonservativ ist auch Idriz' bester Geldgeber, Scheich Sultan bin Mohammad al-Qassimi aus dem Emirat Schardscha. Er gab drei Millionen Euro für den Bau der Moschee und will auch das „Zentrum für Islam in Europa – München“ mitfinanzieren, das Gemeinderäume, Kindergarten, Alten- und Servicezentrum, Bibliothek und theologische Akademie beinhalten soll. „Der Scheich hat von uns nie etwas verlangt“, sagt Idriz. „Eine der fünf Säulen des Islam ist die Spendersteuer, der Scheich hat einfach seine Pflicht erfüllt – wer spendet, kann nichts dafür verlangen. Fürs Zentrum werden wir ebenfalls nur Spender akzeptieren, die uns freie Hand lassen und mit denen die staatlichen Behörden auch einverstanden wären.“

Er sei nicht immer so offen gewesen, sagt Idriz. Erst in Deutschland habe er sich von einem „eingeengten Islamverständnis“ entfernt. „Mein Leben hier hat mich gezwungen zu hinterfragen, was ich bisher gelernt habe. Die Möglichkeit, in Freiheit zu leben und zu arbeiten, Werte wie Gleichberechtigung, der Dialog mit den andere Religionen, den Kirchen – das alles hat meine Theologie in eine andere Richtung gelenkt.“

Zu Idriz' Vorbildern gehören bosnische Reformer des frühen 20. Jahrhunderts. Sie hätten die „Idschtihad“, die Methode der freien Urteilsfindung, wiederbelebt: „Sie wurde im 11.Jahrhundert verschüttet, dadurch wurde die islamische Lehre sehr dogmatisiert. Muslimische Intellektuelle müssen sie wieder einführen. Niemand darf dieses Tor schließen, das Mohammed selbst geöffnet hat.“

 

Frauen schlagen?

Und andere Worte im Koran? „Die aber, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet, die ermahnt, haltet euch fern von ihrem Lager und schlagt sie“ (Sure4, Vers34), steht in der Übersetzung des Orientalisten Hartmut Bobzin über die Frauen. Falsch übersetzt, sagt Idriz. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass derselbe Gott, der auf einer Seite Barmherzigkeit und Liebe verlangt, auf der anderen Gewalt fordert.“ Etliche islamische Denker hätten das Wort „wadribuhunne“ nicht als „schlagt sie“, sondern als „trennt euch von ihnen für eine Weile“ interpretiert. „Ich wünsche mir, dass künftige deutsche Koran-Ausgaben das so übersetzen. Deswegen müssen Theologen mehr auf Deutsch schreiben, wir brauchen Universitäten und Akademien – mithilfe der Termini und Übersetzung könnte man den Islam anders gestalten als in anderen Ländern.“

Anders gestalten – oder neu erfinden? „Eine Religion ist angekommen“, lautet der Untertitel von Idriz‘ Buch. Fragt sich, welche – die Religion, von der Idriz schreibt, ist bislang bestenfalls exotisches Minderheitenprogramm. Idriz fühlt sich aber nicht als Einzelkämpfer: „Es war hart und langwierig, meine Gemeinde in die Gesellschaft zu integrieren. Aber es zeigt, dass eine solche Reform stattfinden kann, wir brauchen nur langen Atem, Mut, Weisheit und Kollektivität. Viele Besucher aus anderen Gemeinden sagen mir: Gerade das, was Sie geschafft haben, wollen wir auch!“

Zur Person

Benjamin Idriz' Werdegang liest sich wie eine Geschichte der Fleißaufgaben. Der Vater predigt jeden Tag vor den Kindern, und er drillt den Sohn – mit elf kann er den Koran auswendig. Nach sieben Jahren im Islamisch-Theologischen Gymnasium in Damaskus, während derer er mehrmals Deutschland besucht, wird er mit nur 22 Jahren Imam in Penzberg. Neben seinem Beruf absolviert er noch ein Fernstudium bei der Europäischen Fakultät für Islamische Studien in Château Chinon und holt sich im Libanon einen Magister in Islamischer Theologie. Als erster deutscher Imam hat er nun in Deutschland ein Buch veröffentlicht: „Grüß Gott, Herr Imam“, Diederichs Verlag, 222S., 17,50Euro.