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Kettenreaktion

Der Juweliere neue Kleider

Frühjahr/Sommer-Kollektion 2023 von Paco Rabanne.
Frühjahr/Sommer-Kollektion 2023 von Paco Rabanne.(c) Getty Images For Paco Rabanne (Pascal Le Segretain)
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Strass und Perlen machen sich neuerdings (wieder) gut auf Kleidungsstücken. Auf Festivals sah man Büstenhalter und Tops mit Kettengliedern schon im Sommer, später auch auf Catwalks.

Einer der maßgeblichen Modemomente des 20. Jahrhunderts beruhte auf dem Herzeigen von „untragbaren Materialien“ und damit dem Gegenteil von komfortabler Kleidung. Paco Rabanne wurde 1966 mit einer Kollektion, die zwölf „Robes importables en matériaux contemporains“ zeigte, schlagartig zur Modereferenz. Er machte damit auch das Metall- und Kettenhemdkleid zu einer Fixgröße der Space-Age-Mode jener Ära. Bis heute ist der Look eng mit seinem Namen verbunden.

Auch Roberto Cavalli wusste, allerdings viel später, um die Vielseitigkeit von Strass, Perlen und Ketten. Um die Jahrtausendwende kam Glitzerndes bei ihm vielfach zum Einsatz, auf Strapsen und Trägern, Bustiers und ganzen Kleidern. Auch anderswo bediente man sich an dem Zierelement: beim Unterwäschen-Fabrikant Victoria's Secret. Jene Marke, die ihre (ausschließlich sehr dünnen) Models samt Flügel und jede Menge Bausch im Körbchen über den Laufsteg schickte. Den krönenden Abschluss einer jeden Schau bildete alle Jahre wieder ein besonders aufwendiges Modell. „Fantasy Bra“ liebkoste man es, mal vorgestellt von Heidi Klum, mal von Alessandra Ambrosio. Statt Stoff kamen hier vorrangig Kettchen und Steinchen zum Einsatz.

Der "Fantasy Bra" an Model Lily Aldridge, 2015.
Der "Fantasy Bra" an Model Lily Aldridge, 2015.(c) Getty Images/Mike Coppola

Zunächst heißt begehrt, schien man dem Firlefanz irgendwann abzuschwören, gewann doch in der Mode Zweckdienliches immer mehr an Bedeutung. Stilettos wichen klobigen Absätzen oder gar Sneaker, Anregungen holte man sich immer öfter von der Workwear, Overalls und Funktionskleidung rückten demnach ins Licht. Schmuck wurde über die Dekaden schlichter gewählt, Perlen hatten schon Ende der Nullerjahre ihren Tiefpunkt.

Nun aber findet man wieder Gefallen an Überflüssigem, Mondänem. Perlen etwa kommen vermehrt auch in neuen Kreisen zum Einsatz (sowohl US-Vizepräsidentin Kamala Harris als auch Popikone Harry Styles haben hierzu ihren Beitrag geleistet). Mondän und überflüssig wohl auch, weil - so vermuten es zumindest Kenner und Expertinnen - die Menschen nach der Pandemie übersättigt sind mit gemütlichen, praktischen Teilen. Kleidung wird wie Make-up (hier mag man wieder dünnes, gebleichtes Haar über dem Auge) nun wieder extravaganter. Vorboten des neuen Glanzes tummelten sich schon im Sommer auf Festivals.

 

Körper, schmück dich!

Dem „Fantasy Bra“ von Victoria's Secret wird das zu keinem abermaligen Aufschwung mehr verhelfen, zu zerrüttet ist das Image der Marke mittlerweile, die (dünne) Frauen als süß verpackte Objekte der Begierde entwertete. Zur Erinnerung: 2018 verschwand die Victoria's Secret-Modeschau und mit ihr auch der „Fantasy Bra“ aus dem Katalog der Marke. An der opulenten Exzentrik Cavallis und Rabannes erfreuen sich Modeaffine (wie auch Prominente) hingegen, einzelne Teile gelten regelrecht als Sammlerstück, der Second-Hand-Handel floriert. Insbesondere Stücke der Frühjahr/Sommer-Kollektion 2003 sind begehrt, wurden diese erst kürzlich von Model Kendall Jenner und Sängerin Dua Lipa ausgeführt.

Nur logisch also, dass sich auch andere High-End-Labels an ähnlicher Extravaganz versuchen. Das Designer-Duo von Oscar de la Renta etwa, Fernando Garcia und Laura Kim, deren Kleid aus Schmuck erst kürzlich Taylor Swift wie eine funkelnde zweite Haut bei den VMAs (Video Music Awards) über den roten Teppich trug. Aber auch Ludovic de Saint Sernin, Mugler, und Marc Jacobs machen glänzende Arbeit. Die Marke Cavalli versucht sich ebenso an neuen schmuckhaften Oberteilen, wie Paco Rabanne gerade eine Renaissance erlebt. Modesternchen tragen nun also Ketten, Strass und Perlen auch in Form von Gewändern - zumindest bis Gemütlichkeit und Funktion ihr Revival in der Mode feiert.