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Männergesundheit

Was Gesundheit mit Männlichkeitsvorstellungen zu tun hat

Der gesunde Mann ist leistungsbereit: Belastung soll oft Gesundheit unter Beweis stellen.(c) imago images/Cavan Images
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Im November wird jedes Jahr mit Aktionstagen auf Männergesundheit aufmerksam gemacht. Wieso traditionelle Männerbilder oft einer ausführlichen Gesundheitsvorsorge im Weg stehen.

Der November ist Männermonat: Neben dem Weltmännertag am 3. November wird am 19. November auch noch der internationale Männertag begangen. Unter anderem auf Männergesundheit soll im November aufmerksam gemacht werden - doch was ist das eigentlich? Dem Feminismus und der Gendermedizin ist es zu verdanken, dass sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass in Medizin und Wissenschaft der männliche Körper die längste Zeit als Maßstab aller Dinge galt - Spezifika der weiblichen Gesundheit wurden über Jahre hinweg zu wenig erforscht, manche Krankheiten oder Beschwerden erst gar nicht ernst genommen. Warum braucht es dann, parallel zur erhöhten Aufmerksamkeit für Frauengesundheit auch noch die Männergesundheit?

„Vor dem Aufkommen der Gendermedizin hatte man ein geschlechterblindes Bild von Gesundheit“, erklärt Gesundheitspsychologe Romeo Bissuti, Leiter des Männergesundheitszentrums MEN in Favoriten, im Gespräch mit der „Presse“. „Es wurde zwar zum menschlichen Körper geforscht, aber ohne zu berücksichtigen, dass es sich bei den Forschungsobjekten um Männer handelte.“ Gute Gesundheitsvorsorge werde heute integrativ gedacht, mit spezifischen Angeboten für Männer und Frauen.

Depressionen zeigen sich bei Männern anders

So werden beispielsweise Depressionen bei Männern deutlich seltener diagnostiziert als bei Frauen. Psychiater Johannes Wancata von der Medizinischen Universität Wien macht darauf aufmerksam, dass bei einer sogenannten „Male Depression“ andere Anzeichen die üblichen Symptome einer Depression überlagern: Anhaltende Reizbarkeit, Aggressivität oder auffälliges Risikoverhalten könnten etwa bei Männern auf eine Depression hindeuten.

Auch die Hormone, etwa eine unterschiedliche Dichte an Östrogen- und Progesteronrezeptoren, könnten eine Rolle dabei spielen, dass Depressionen bei Männern seltener diagnostiziert werden. Zudem gibt es genderspezifische Unterschiede bei den möglichen Auslösern von Depression. Während sich bei Frauen das Erkrankungsrisiko oft durch Mehrfachbelastung und zwischenmenschlichen Konflikten erhöht, seien bei Männer oft Scheidung, Trennung aus einer Beziehung oder Probleme am Arbeitsplatz Auslöser.

„Das männliche Hilfesuchverhalten unterscheidet sich außerdem deutlich“, ergänzt Bissuti. „Viele Männer behandeln sich selbst mit Alkohol, ein Verhalten, das - insbesondere bei Männern - gesellschaftlich breit akzeptiert ist.“ 

Belastung und Risikoverhalten

Nach wie vor haben Frauen in Österreich eine höhere Lebenserwartung, sie werden im Durchschnitt um 4,8 Jahre älter als Männer.  Die meisten dieser „verlorenen Lebensjahre“ würden im jungen Alter, zwischen 16 und 25 Jahren, passieren. „Freizeit- oder Verkehrsunfälle, vielleicht sogar unter Alkoholeinfluss, sind oft Ausdruck von Männlichkeitsvorstellungen: Männer sind mutig, beweisen sich und haben keine Angst“, meint Bissuti.

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Das erhöhte Risikoverhalten von Männern schlage sich auch abseits von Skipisten und der Autobahn im Lebensstil nieder, in den Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Rauchen oder hoher Fleischkonsum könne etwa zu lebensstilbedingten Gesundheitsproblemen wie Herzkreislauferkrankungen oder Darmkrebs führen. Hier gelte bei Männern oft das Motto: Gesundheit beweisen durch Arbeit und Party. „Wenn ich mich belaste und das gut aushalte, dann stelle ich damit quasi meine Gesundheit unter Beweis.“ Bei Frauen sei der Vorsorgegedanke deutlich stärker ausgeprägt.

Erkrankungen wie Prostata- oder Darmkrebs könnten eigentlich im Rahmen der entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen gut vorzeitig erkannt werden. Dass diese oft nicht wahrgenommen werden, hänge Bissuti zufolge ebenfalls mit traditionellen Männlichkeitsnormen zusammen. „Manchmal hemmt auch Homophobie davor, zur Vorsorge zu gehen. Man weiß nicht genau, was dort passiert und es ist einem unangenehm.“ 

Männer und Gewalt

Auch Gefühle wie Scham oder Hilflosigkeit (mitunter bezogen auf den eigenen Körper) hätten im traditionellen Männerbild keinen Platz. Ein Grund, warum viele Männer oft jahrelang über erlittene Gewalterfahrungen schweigen würden. „So viele Männer werden schon als Kind Zeuge oder sogar Opfer von Gewalt oder sexualisierter Gewalt. Nur erzählen sie das manchmal 40 Jahre lang niemanden“, spricht Bissuti über seine Erfahrungen in der Männerberatung. So neigen Männer selbst eher als Frauen dazu, gewalttätig zu werden. Das sei oft Ausdruck einer psychischen Erkrankung, bekanntermaßen sei auch die Suizidrate unter Männern deutlich höher als bei Frauen.

Männer sind keine Gesundheitsmuffel

Männern, die sich um ihre Gesundheit besser kümmern wollen, empfiehlt Bissuti, neben den empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen, den Kontakt mit anderen: „Ganz wichtig ist es, jemanden zum Reden zu haben. Einen besten Freund, eine beste Freundin, jemand, der in Krisenzeiten da ist.“ Auch das Hinhören bei gut gemeinten Ratschlägen könne hilfreich sein. „Wenn mich jemand gut kennt und diese Person macht sich Sorgen um mich, dann empfiehlt es sich hinzuhören.“ 

Wichtig sei es im Zusammenhang mit Männergesundheit nicht in ein „Männerbashing“ zu verfallen. „Männer leisten oft sehr viel und sind oft stabilisierende Faktoren“, führt Bissuti aus. „Ich habe noch keinen Mann getroffen, der gemeint hat, Gesundheit sei für ihn kein Thema. Die Gesundheitsressourcen der Männer zeigen sich oft auch anders als erwartet.“ Moderne Männlichkeitsbilder, wie das der „caring masculinity“, hätten mittlerweile „den Rang des sozial Erwünschten“ erreicht, seien in der Masse angekommen. „Männer sind oft - auch in der Gesundheit - besser als ihr Ruf.“