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Grafische Oberfläche

Die Wand ist die Leinwand

Manche leere Flächen schreien nach Inhalt: Auch deshalb lässt die Designerin Barbara Vörös Wände sprechen. Und vor allem: in den Raum wirken.

Oberflächen, allein ihre Existenz reizt Barbara Vörös. Und wenn sie leer sind, unbeachtet, ungestaltet, dann umso mehr. Vor allem wenn die Leere keine Gestaltungsentscheidung war. Sondern eher ein visueller Kollateralschaden im Raum. Weil man sich dringend um alles andere kümmern musste als darum, wie die Räume denn so wirken auf die Menschen, die sie täglich benutzen. Und: Ein dreidimensionaler Raum spannt sich auch über Wände, Decken, Böden auf. Oberflächen, auf denen Vörös gern ihre Ideen und Entwürfe auslegt, grafisch, Länge mal Breite. Die Tiefe bedient sie dabei inhaltlich. Wobei „Länge“ manchmal auch ganz schön lang geraten kann. Wie etwa im LKH Leoben, wo sie vom Architekturbüro Bramberger Architects beauftragt wurde. Dort zieht sich ihre Idee auch einmal entlang eines Ganges, der erst nach fast 70 Metern zu Ende ist. „Die Sonne scheint immer“ ist dabei der Gedanke, den Vörös dort in einfachen Farbgeometrien mit Lasur auf Holz gepinselt hat.

(c) Chris Zvitkovits (Chris Zvitkovits)

Dimensionen

Im konventionellen Grafikdesign waren Vörös jedenfalls schnell die Formate zu klein. Und schon bald, während sie noch an der „Ortwein-Schule“ in Graz visuelle Gestaltung gelernt hat, hat sie ihre Ideen auch vertikal an der Wand ausprobiert, nicht nur in „klein“ und ebenso flach auf herkömmlichen Formaten, Medien und Materialien, auf Papier vor allem. Ihr „Studio für grafische Architekturoberflächen“ nützt heute den Raum als Medium, ihre Leinwand ist die Wand, die Decke, der Boden. Und alles, was in Raum, Interieurdesign und Architektur sonst noch Oberfläche ist.

Barbara Vörös trägt nicht nur Farbe auf, großflächig und punktuell, an den Wänden von Besprechungsräumen, Foyers, Lobbys, Shops, Galerien und Tiefgaragen. Sie appliziert auch ganz andere Schichten: inhaltliche, visuelle, erzählerische. Je nachdem, wie viel die Gestaltung noch flüstern soll in die Tiefe des Raums. Es sind dann zarte Erzählfäden, die sich wie die gepinselten Linien durch den Raum ziehen. Man kann sie lesen. Muss aber nicht. Und sie knüpfen an ganz unterschiedlichen Punkten an und manchmal auch an all diesen zugleich: an der Architektur, an der Funktion des Raumes, an den Menschen, die ihn benutzen, an der Geschichte des Ortes, des Hauses, an der Identität des Unternehmens.
Es gibt noch so viele Oberflächen in der gebauten Umwelt, die zwar so gut wie nichts sagen, aber trotzdem schreien: nach Gestaltung. Das findet Vörös, und manchmal verschickt sie dann eine Ansichtskarte, an Bauherren oder Architekturbüros, und bietet sich damit an, die Leere sinnvoll und ästhetisch auszufüllen. Oder die „dritte Haut“, so nennt man die Architektur auch, einzukleiden. Mit einfachen, effektvollen Ideen.

Wie an der Fassade des Unternehmens Domico etwa, eines, das selbst Metallfassaden herstellt. Für sein Schulungszentrum hat sie die glatte Blechfassade visuell gefaltet, als wäre es Stoff. Dafür wurde das Blech einfach mit Hunderten Löchern zum Bild gestanzt. Und im Inneren hat Vörös die Punkte dann, in derselben Anmutung, mit dem Pinsel gesetzt.
In ihren Oberflächengestaltungen sei es immer auch ein „Spiel mit der Leere“. Ein Austarieren von visuellem Gewicht. Wie viel davon verträgt der Raum, seine Wirkung, seine Atmosphäre? „Jede Oberfläche wirkt natürlich in den Raum. Und wenn die visuelle Gestaltung überhaupt zur Haut des Raumes wird, umso mehr“, sagt Vörös. „Wenn man ein Bild an die Wand hängt, spürt man hingegen, dass man es wieder weghängen könnte.“

Auch geometrisch-grafische Muster wirken: wie hier beim Hungry Guy in Wien.beigestellt

Die Ideen von Vörös allerdings, sie sind in den Raum mit eingewebt, wie all die anderen architektonischen Elemente, die ihn definieren. Gemeinsam mit allen möglichen visuellen oder inhaltlichen Referenzen. Als künstlerische Reaktion auf das, was die Gestalterin selber spürt, wenn sie den Raum zum ersten Mal mit ihren eigenen Antennen erforscht. Ein paar gestalterische Empfehlungen kommen dann bald schon aus dem Bauch. Oft ist auch die Natur der Schatz der Motive, Muster und Strukturen, in den sie greift, um selbst neue Zeichen an der gebauten Umwelt zu setzen. Biophile Formen und Linien, organische Strukturen, einfach „Formen, die uns eben guttun“, wie Vörös sagt.

Vertikale Erzählebene

Vörös lebte lang zusammen mit einem Architekten, auch das habe ihr geholfen, ein Gefühl für Räume zu entwickeln. Und dafür, wie man ihre Wirkung auf die Menschen steuert. „Er ist noch heute ein wichtiger inhaltlicher Pingpong-Partner für meine Ideen“, erzählt Vörös. „Beyond Surface“ hat sie früher ihren Entwürfen gleichsam als Versprechen im Eigenmarketing mitgegeben. Und die Wände sind nur das eine. Gern würde sie noch viel mehr Böden und Decken mit ihren Ideen überziehen. Auch in einer Tiefgarage in Wien ist an vielen Stellen auf dem Boden das übliche triste Grau der Farbe gewichen. Noch dazu beseelen Zeichnungen die Betonwände. Schon bei der Einfahrt schaukeln zwei Kinder kopfüber.

Zuletzt verbrachte Vörös einige Zeit in den Besprechungsräumen der Kanzlei Jank Weiler Operenyi Rechtsanwälte. Aber vor allem, um sich ihren Wänden gestalterisch zu widmen. „Ursprünglich ging es darum, einen Sichtschutz für die ­großen Glasscheiben herzustellen.“ Geworden ist es ein visuelles Konzept, das insgesamt fünf Meeting-Räume überspannt. In jedem dominiert ein anderes Meerestier. Etwa eine Qualle. „Ich habe es aber jeweils zu einem Muster abstrahiert“, sagt Vörös, „als ich die Räume zum ersten Mal sah, bin ich mir wie im Bauch eines Schiffs vorge­kommen“.