Wenn der Markt allein bleibt

„Meine besten Vorlesungen waren die, die ich selbst nur halb verstanden habe.“ Erinnerung an Kurt Rothschild.

Eine leise Stimme, die im Lärm der Nachrichtenwelt fast untergeht. Zugegeben, zunächst kann ich sie nicht zuordnen, im Ö1-Radiokolleg, Anfang des Krisenjahres 2009. Dann aber, unverkennbar, weil die Wortwahl einzigartig ist – es ist der 94-jährige Kurt Rothschild, Ökonom und Universitätsprofessor für Volkswirtschaft. Mein alter Professor, bei dem ich 1985 in Linz die letzte Prüfung abgelegt habe. Wir haben uns seit damals nicht mehr gesehen.

Die Stimme lässt mich nicht mehr los. Rothschild wählt seine Worte mit Bedacht, er macht lange Pausen. Die Langsamkeit, mit der er formuliert, beeindruckt in einer Welt, in der Tempo das Maß aller Dinge ist. Später, viel später, bei einer Lesung zu unserem gemeinsamen Buch, merkt Rothschilds Frau Valerie einmal kritisch an: „Er kann nicht reden. Er kann alles, aber reden kann er nicht gut.“ Ich muss ihr widersprechen. „Er kann reden. Aber die Leute können nicht mehr zuhören.“

Ich will meinen Professor wiedersehen. Ich will wissen, wie er, der so viel erlebt und so viele Studenten Ökonomie gelehrt hat, die Wirtschaftslage beurteilt. Und der Verlag Braumüller hätte am liebsten gleich auch ein Buch dazu. „Waaas wollen Sie von mir? Ein Buch soll ich mit Ihnen schreiben? Ich bin doch nicht verrückt und schreib mit 94 noch ein Buch. Und warum gerade mit Ihnen?“ –„Ich bin 1985 ihr letzter Prüfling in Linz gewesen und . . .“ – „Und ich hab Sie damals durchgelassen?“ Das erste Telefonat mit Kurt Rothschild nach 23 Jahren, am 22. Februar 2009. Er zögert kurz, dann stimmt er einem Treffen zu. Ein Jahr später, am 22. Februar 2010, überreicht Wissenschaftsministerin Beatrix Karl die Statuen für das Wissenschaftsbuch des Jahres, „Wie Wirtschaft die Welt bewegt“, an Kurt Rothschild und seinen letzten Schüler. Zwei Stufen auf einmal nimmt Rothschild damals auf die Bühne.

Dazwischen liegt ein Jahr, das von intensiven Gesprächen und ebensolchen Zweifeln geprägt ist. Ein Jahr, in dem ich einem Menschen näherkommen darf, dessen Intelligenz und Witz, Großherzigkeit und Bescheidenheit, Schlagfertigkeit und Einfühlungsvermögen mich zutiefst beeindrucken.

Ein Gesprächsbuch sollte es werden, damals, im Februar 2009. „Wir reden aber bitte nicht über Gott, ich bin Agnostiker, die Ökonomie reicht mir“, sagt Rothschild. Es folgen endlose Gespräche über Entstehungsgeschichte und Denkfehler des Kapitalismus. Rothschild ist Post-Keynesianer. „Wir schreiben kein Buch über die Krise – das sag ich Ihnen gleich.“ Nach rund 20 Stunden sind 150 Jahre Wirtschaftsgeschichte besprochen. Rothschild kennt keine Müdigkeit. Am meisten Sorgen macht er sich um die junge Lektorin, die bei unseren Gesprächen sitzt. „Ist Ihnen das eh nicht zu fad?“ Kurt Rothschild ist in immerwährender Sorge um seine Mitmenschen. Vor allem um seine Frau, auch über 90, der „es momentan nicht so gut geht“, aber auch um den Verlagschef Borovansky – „Investieren Sie da eh nicht in das falsche Buchprojekt?“ –, am wenigsten um sich selbst. „Müde?“ – „Nein, warum?“ Auch nicht nach sechs Stunden Dauergespräch.

Anfang der 1930er-Jahre ist Kurt Rothschild 16 Jahre alt. Die erste Weltwirtschaftskrise prägt den Wiener Sozialisten jüdischer Herkunft. 1938 flieht er mit seiner Frau Valerie vor den Nazis über die Schweiz nach Glasgow. John Maynard Keynes sollte sein berufliches Leben prägen.

Selbst mit Irrtümern hat Rothschild kein Problem. Mit den eigenen nicht, aber auch nicht mit einem von John Maynard Keynes, der für 2030 eine Marktsättigung prophezeit hat in seinem Buch „Ökonomie für meine Enkel“. Keynes hat 1930 gehofft, dass 100 Jahre später die wichtigsten Bedürfnisse der Menschen mehr oder weniger befriedigt sein würden und sich der Mensch dann den guten Dingen des Lebens hingeben könne. Den Künsten, Wissenschaften, der Freizeit, der Muße. „Da irrte Keynes halt, denn es wird immer etwas Neues geben und der Mensch wird es immer haben wollen.“

Es ist Juli 2009. Das Buch sollte fertig sein. Noch fehlt die Analyse der aktuellen Krise. Und die ihrer Giftprodukte. „Ach lassen Sie mich doch in Ruhe – ich bin doch kein Finanzwissenschaftler.“ – „Na ja, ein wenig sollten wir in diesem Buch doch auch über Kreditderivate sprechen“, merkt der Schüler an. „Lieber junger Kollege, es ist doch kein Wunder, dass es bisher kein vernünftiges Buch gibt, das das richtig erklärt, es ist einfach zu kompliziert.“ „Sie haben recht,“ antworte ich, „ich bin nach meinen bisherigen Recherchen schon ziemlich verwirrt.“ „Wissen Sie, junger Kollege, was Ihnen passieren wird? Sie werden verwirrt sein, aber auf einem höheren Niveau. Meine besten Vorlesungen waren die, die ich selbst nur halb verstanden habe.“

Endlich sind wir beim Schlusskapitel, und es folgt die unvermeidliche Frage an den 94-jährigen Post-Keynesianer: „Können Sie dem Markt alleine, ohne Staatseinfluss, so gar nichts Positives abgewinnen?“ „Schauen Sie“, sagt Rothschild, „die Netrebko singt halt so schön, und dafür zahlen die Leute auch sehr viel Geld, und wenn es Michael Jackson erreicht hat, dass Menschen bis zu 100.000 Dollar zahlen, um bei der Trauerfeier für ihn dabei sein zu können, dann sage ich: Ja, solche Sachen regelt der Markt – und da ist er immer besser als jede Intervention. Aber sobald sie mehr wollen als das, Verteilungsgerechtigkeit, weniger Armut, dann versagt der Markt, wenn er allein bleibt.“

Wenige Wochen später erscheint das Buch. Wir treffen einander auf dem Küniglberg. Nach einem ZIB-2-Auftritt frage ich ihn, ob ich ein Taxi rufen soll. „Warum? Sind Sie etwa ohne Auto da? Soll ich Sie in den Achten mitnehmen, ich fahr dann weiter in den Neunzehnten.“ Er nimmt mich mit. Das Auto ist sehr alt, Rothschilds Fahrweise flott. Ich frage ihn, ob er sich noch ein neues Auto kaufen wird. „Das ist mir zu teuer. Und ob ich es dann noch lange fahren kann?“

Zu seinem 96. Geburtstag, am 21. Oktober 2010, rufe ich meinen Professor wieder an. Seine Stimme klingt schwach. „Besuchen? Nein, lieber nicht. Oder doch, Sie schon, einfach vorbeischauen, ich bin immer daheim.“ Wir haben uns nicht mehr gesehen. Die Kinder krank, andere Verpflichtungen, ich schiebe den Besuch auf. Als ich am 18. November endlich anrufe, hebt Rothschilds Enkelin ab. „Wenn Sie meinen Opa sprechen wollen, der ist...“ Ich habe zu spät angerufen. Ich habe mich nicht mehr von ihm verabschieden können. So wie Kurt Rothschild war, hätte er das vielleicht gar nicht gewollt. Aber ich wollte noch einmal Danke sagen. Für alles, und das war sehr viel. ■