Zuerst ein Pioniergebiet, dann ein Retrofall, heute eine anziehende Mischung aus Nostalgie und Moderne. Mit der neuen Gondelbahn wird die Tauplitz größer. Doch Skifahren hoch über dem Ausseerland bleibt ganz entspannt.
Es war einmal der längste und wohl auch kälteste Sessellift der Welt, zumindest Europas, jedenfalls Österreichs. Skifahrer schauderten schon, wenn sie von ihm erzählten, ein bisschen auch vor Stolz auf diese frühe Errungenschaft. Denn 1953 war die Tauplitz so was von modern, dass sich jede Menge Prominenz auf den Pisten hoch über dem Ausseerland tummelte. Eine Dreiviertelstunde lang gondelte dieser legendäre Einsersessellift vom Dorf Tauplitz hinauf. Die Passagiere wickelten sich in Decken, aber selbst ein Flachmann an der Brust half nicht viel.
Auf diesen Retrofaktor hätte Hubert Mayrhofer gern schon sehr viel früher verzichtet als erst in den Neunzigerjahren, als sein Familienunternehmen die Modernisierung des Skigebietes in die Hand nehmen konnte: „Der Lift hat uns imagemäßig zehn Jahre gekostet.“ Stimmt vermutlich: Der Zugang verhielt sich zur weitläufigen Tauplitzalm wie eine Feuerleiter zu einer Palastanlage. Aber irgendwie charmant war's doch, weil man wusste, dass einen oben viel erwartete: viel Schnee, viele Hütten, viel Skiraum.
Flott hinaufgondeln
Zwei schnelle Vierersesselbahnen schafften dann Abhilfe. Neuer Schwung erfasste bald die restliche Infrastruktur – die Lifte oben auf dem Almplateau, dem Lawinenstein und dem Schneiderkogel. dazu die Beschneiung und die Energieversorgung mit Erdgas, was selten ist für eine Alm. Heuer erfolgte die größte Neuerung in Summe (18 Millionen Euro). Eine lange Gondelbahn führt jetzt von der Bad Mitterndorfer Seite auf den Mitterstein hinauf. Damit ist die Muskelanspannung auf dem steilen Kurvenschlepplift Geschichte. Und so erschließt sich einer der schönsten, längsten und steilsten Südhänge im Skigebiet.
Für viele Bergbahnen steht und fällt der Marktwert ihres Reviers mit den Pistenkilometern, was dann nicht selten dazu führt, dass jede extra ausweisbare Nebenfahrbahn zum Streckenkontingent dazugerechnet wird. Das macht sich bekanntlich gut in den Prospekten. Hier oben auf der Tauplitzalm gibt es an Pistenkilometern freilich genug, aber es wurden eben nicht auf Teufel komm raus Flächen planiert. Weil der Tauplitz'sche Skifahrer auch ganz gern den Schnee außerhalb der Piste probiert. „Wir haben nicht alle Möglichkeiten des Pistenbaus ausgeschöpft, sondern uns auf eine Hauptabfahrt konzentriert. Dort haben wir den organisierten Skiraum. Alles, was außerhalb ist, lassen wir unberührt – zum Freeriden“. Es sei, sagt Bergbahnenchef Mayrhofer, auch nicht sinnvoll „als mittelgroßes Skigebiet in einen Infrastrukturkwahn auszubrechen“. Was für die kommenden Jahre im Raum steht, ist absehbar: ein Klettersteig auf den Traweng oder die Erschließung des nahen Krahsteins.
Man kommt auf die Tauplitzalm auch wegen der Möglichkeiten zu Skitouren oder zum Variantenfahren. Das bringt schon die Lage mit sich: Das Gelände hat etwas von einer Schüssel. Auf ihren Rändern verstellt kaum ein Baum die Sicht. Liegt viel Schnee, drückt er auch die Latschen unter die Wahrnehmungsgrenze. So bekommt das Skigebiet eine fast hochalpine Anmutung. Man sieht von vielen Punkten aus sehr gut, wo man überall Spuren ziehen kann, wo die Steilstücke, die Kuppen und die Mulden im Gelände liegen.
Diese eigene Mischung aus Nostalgie und Moderne zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Tauplitz. Das macht, ganz abgesehen von der Landschaft im Vorfeld des Toten Gebirges, gerade auch ihren Reiz aus. Alles wirkt so intakt, so entspannt.
Schilcherrot glüht der Dachstein
Visionär war man damals in den 1930er-Jahren, dem Bergbahn-Neolithikum, als man den ersten Schlepplift Österreichs baute. „Ein ,Prügellift‘ mit einer langen Stange und betrieben von einem Traktor“, erzählt Mayrhofer. Es wurde einiges gebaut, aber mit Respektabstand zueinander, Gästehäuser, übersichtliche Hotels, sogar eine kleine Kirche. Augenfälliger sind auf dem Almboden die vielen Hütten, die meisten alt und urig. Man muss kein ewiger Stammgast oder Pächter sein, um sich da einmieten zu können.
Das Holz liegt vor der Hütte, Spuren im Schnee führen zum Lift, zur Höhenloipe und zu so gemütlichen Stuben wie im Hollhaus. „Jedes Gasthaus hat hier heroben sein Einzugsgebiet“, sagt Wirt Klaus Hüttner und verrät, dass Hüttenurlauber, die bis weit nach Anbruch der Dunkelheit dahockten, schon einmal mit dem Schneemobil nach Hause kutschiert würden. Am besten kommt man am Ende eines Skitages hierher, sieht die Sonne über dem Dachstein versinken und stößt auf der Terrasse mit Schilchersekt an.
An einer anderen Hütte kommt der Skifahrer auf der neuen Abfahrt auf dem Mitterstein allein der Neugier wegen nicht vorbei: Hubert Neuper, die Skisprunglegende, ist mittlerweile Hüttenwirt, und sein „Adlerhorst“ ein schmuckes Holzhaus, dem man seine Vergangenheit als Sechzigerjahre-Abspeise nirgends mehr ansieht: Alles wurde massiv umgebaut. Jetzt sitzt der Einkehrer mitten in lichtdurchfluteten Räumen mit großen Tischen und schaffellüberworfenen Sesseln. An den altholzverblendeten Wänden hängen schöne Schwarz-Weiß-Bilder, die Skifahrer zeigen, wie sie anno dazumal auf der Tauplitzalm unterwegs gewesen sein könnten. Skischuhe knirschen über den Holzboden, den Neuper doppelt verlegen ließ, obwohl es freilich leichter gewesen wäre, einfach alles zu verfliesen: „Aber wo gibt es in einer Almhütte schon gekachelten Boden?“
Noch ist der „Adlerhorst“ ein Treffpunkt für Skifahrer, aber bald wird man hier auch viele Skispringer treffen. Die Weltspitzenathleten von einst. Und die Stars von morgen. Denn Neuper baut bei Gelegenheit auch eine Schanze neben der Hütte. Zum Üben. Bis man reif ist für den nahen Kulm.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2010)