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Er baute keine falschen Dörfer, sondern echte Städte: Fürst Potemkin, der Feldherr und Favorit der Zarin Katharina der Großen.
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Ukraine

Wie Putin sich Potemkin krallte

Die russischen Besatzer haben die Gebeine Potemkins aus Cherson „evakuiert“. Aber zur Rechtfertigung des Angriffskriegs taugt der legendäre Fürst nicht.

An diesem Freitag forderte Wladimir Putin die Zivilisten in Cherson auf, die annektierte Stadt im Süden der Ukraine zu verlassen. Schon bald könnte sie Kampfgebiet sein, die ukrainischen Truppen rücken weiter vor. Sollten sie Cherson zurückerobern, wäre es eine schlimme Blamage für die Russen. Symbolisch präludiert wurde sie schon vor einigen Tagen, als die Besatzer den Gründer der Stadt „evakuierten“: einen schwarzen Sack mit Knochen, fein säuberlich nummeriert – die Gebeine des Fürsten Grigori Alexandrowitsch Potemkin (1739–1791). Ja, der mit den Kulissendörfern, die es tatsächlich nie gab, ein Gerücht seiner Neider. Und ja: Auch der Panzerkreuzer, der dank Sergei Eisenstein Filmgeschichte schrieb, wurde nach ihm benannt. Vor allem aber: Auf ihn, den Feldmarschall, Geliebten von Katharina der Großen und Herrn über das kolonialisierte Neurussland, hat sich Russlands Präsident für seinen Angriffskrieg berufen – was westliche Historiker für ein arges Missverständnis halten.

In seiner Totenruhe wurde Potemkin damit schon das neunte Mal gestört. Katharinas Nachfolger, Zar Paul I., beneidete den erfolgreichen Günstling noch posthum, weil sich sein monumentales Grab in der Krypta von Chersons Katharinenkathedrale zu einer Art Pilgerstätte entwickelte. Er befahl die Umbettung in einen schlichten Holzsarg, und es hieß, er hätte die echten Knochen zermalmen und in der nahen Wolfsschlucht verstreuen lassen. Das Gerücht ließ sich mehrmals durch Öffnen des Grabs widerlegen. Die Bolschewiken verwandelten die Kirche in ein „atheistisches Museum“ und stellten Schädel und Gebeine dieser Symbolfigur des dekadenten Zarentums in getrennten Glaskästen aus. Nach dem makabren Zwischenspiel kam Potemkin wieder in seinen Sarg, wobei aber der Schädel verloren ging. Und nun verschleppt ihn Putin, instrumentalisiert ihn als nationalistische Reliquie für die großrussische Ideologie.