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Redebedarf

Emojis: Die Grenzen der Herzlichkeit

100 Rätsel der Kommunikation, Folge 15. Ohne Körper und Stimme sind Herzen halt doch nur Symbole. Auch zum Geburtstag.

Manchmal hat man alle so gern. Und will es allen auch so gerne zeigen. Aber oje, die Sippe hat sich ja über die Welt verstreut. Da muss man wohl fernumarmen, fernliebhaben, fernherzen. Und das geht digital natürlich am besten: mit Herzen. Das beliebteste Emoji. Wer hätte das gedacht. Über 70 Prozent der Emojis sind überhaupt Herzen. Zumindest in der digitalen Kommunikation zwischen Menschen, die in Beziehungen zueinander stehen. In solchen, in denen man sich traditionellerweise manchmal herzt. Partnerschaft, Geschwisternschaft, Verwandtschaft. Soviel Liebe schwebt durch einen völlig gefühllosen Raum, den digitalen, wer hätte das gedacht?

Aber das Ganze hat einen Haken: Kaum dringt ein Gefühl in den digitalen Raum, wird es flach und körperlos. Und so ganz ohne Körper bleibt dem Gefühl echt wenig Raum, sich richtig auszuleben. Aber auch Fotos und Filme riechen selten nach den Dingen, die man auf und in ihnen sieht. Das Experiment „Geruchskino“ ist auch vor ein paar Jahren kläglich gescheitert. Medien sind nun mal Medien. Alle Informationen können sie dann doch nicht übertragen. Der Mensch selbst bleibt der genialste „Social Media“-Kanal. Er zeigt alles, ungefiltert, auf einmal. 

Gefühle sollte man sich für den analogen Raum aufheben. Nur dort kann man sie auch körperlich verarbeiten. Die Arme ausbreiten und jemandem in die Arme fallen, wenn der andere die Arme genauso rechtzeitig ausgebreitet hat. Oder: Hüpfen, hüpfen, hüpfen, weil man sonst explodiert vor Freude. Tränen brauchen Gesichter, auf denen sie kullern können. Und selbst die Stimme, das authentischste Gefühlsdisplay gleich nach den Augen, eines, das so ungeschönt und direkt zeigt, wie wir drauf sind, braucht Platz. Luft. Raum. Dafür, um überhaupt Stimme sein zu können. Dann funktioniert zumindest auch das Telefon als Gefühlstransmitter, viel besser als eine digitale Nachricht, in denen man Gefühle so künstlich erzeugt wie in den Lebensmittellabors das Heidelbeeraroma für das Joghurt.

Gefühlstage

Der Geburtstag ist auch so ein Gefühlstag. Man hat das Gefühl, es ist nicht mehr so wie früher. Man hat das Gefühl, es ist immer dasselbe. Man hat das Gefühl, man würde gern einmal etwas ganz anderes machen.  Letztens hatte ich Geburtstag. Es war ein gefühlt guter Geburtstag. Die üblichen Gratulationen. Die üblichen Nachrichten. Die üblichen Herzen. Nur die Gratulanten auf Facebook werden weniger. Muss ich mir Sorgen machen? Wahrscheinlich eher im Gegenteil. Was ich zum Geburtstag bekommen habe? Ein paar Anrufe. Und ein paar „Happy Birthday“ auf sozialen Netzwerken. Manchmal in Großbuchstaben, manchmal mit Feuerwerk-Emojis, manchmal mit extra vielen Rufzeichen, um auch klar zu machen, dass es auch ganz, ganz, ganz (!!!!!!!!!) herzlich gemeint ist. Was war noch dabei?  Die üblichen, die auf Facebook gratulieren, aber die auch dort extra zeigen wollten, wie persönlich, individuell und ganz besonders sie es meinen: Die schreiben dann „Heby Bärthday“. Oder: „Alles, alles, alles, alles, alles Gute“. Sie nennen mich bei Spitznamen, die ich seit dem Raucherkammerl im Gymnasium nicht mehr gehört habe.

Die statistische Auswertung ergab: Je älter die Freunde, desto Anruf. Je jünger die Freundschaftsbeziehung, desto WhatsApp. Unangemeldet vorbeigekommen mit einem Blumenstrauß ist niemand. Ich bestehe auf Geburtstagsanrufe. Aber vielleicht sollte ich dann auch mal abheben. Dann wären es aber schon ziemlich viele Gefühle auf einmal. Ich weiß nicht, ob ich das an meinem Geburtstag aushalte.

100 Rätsel der Kommunikation

Norbert Philipp bespricht in dieser Kolumne die dringendsten Fragen der digitalen und analogen Kommunikation: Muss man zu Chatbots höflich sein? Wie schreit und schweigt man eigentlich digital? Heißt „Sorry“ dasselbe wie „Es tut mir leid“?. Und warum verrät „Smoke on the Water“ als Klingelton, dass ich über 50 bin.