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Wo ist der „Wutbürger“ in Österreich? Er hüllt sich in Schweigen

Hunderte Millionen Euro werden vergeudet, Korruption bricht auf, die Regierung erledigt ihre Arbeit mehr schlecht als recht – und das alles wird mit unerklärlicher Apathie hingenommen.

Quergeschrieben

Vor Kurzem wurde er identifiziert und mithilfe des „Wortes des Jahres 2010“ in Deutschland an die Öffentlichkeit gezerrt: der „Wutbürger“ also. Er will, dass sich etwas ändert, um nicht mehr zu verlieren als bisher – was immer das für den Einzelnen ist. Er ist, so die publizierten Merkmale: konservativ, wohlhabend, nicht mehr jung.

Demzufolge müsste Österreich die besten Rahmenbedingungen für einen Wutbürger bieten, aber hier kommt er anders daher: Er trägt seine Wut zum Stammtisch und in die gesellschaftlichen Zirkeln, in denen er verkehrt und er sich über „die da oben“ auslassen kann, für die er sich überdies noch häufig fremdschämt. Und er vermutet schon lange keine Unschuld mehr bei den Verantwortlichen, die ihm solcherart Ärger bereiten.

Aber der Wutbürger Austriacus zieht keine persönlichen und/oder öffentlichen Konsequenzen aus seinen Gemütswallungen. Wann immer vergangenen Herbst mithilfe der neuen Medien mehr oder weniger spontane öffentliche Proteste organisiert wurden, blieb die Zahl der Engagierten überschaubar.

Vor allem aber wurden die meisten dieser Proteste, in Wien etwa, umgehend von politischen Gruppierungen vereinnahmt. Ob das die Grünen bei der Demonstration für Arigona Zogay im Frühsommer waren oder kommunistische Splittergruppen, links-linke Randgruppen der SPÖ oder auch der ÖGB bei der Aktion „Machen wir uns stark“ Mitte September.

Was also macht den Unterschied zwischen Deutschland und Österreich aus? Warum frisst hierzulande jeder eher seine Wut in sich hinein als sie in Aktivitäten umzusetzen? Es sei das Erbe der Monarchie, des autoritären Gefüges seit jeher, der labilen demokratischen Verfasstheit, meinen die einen. Auch Deutschland hatte die Monarchie, auch Deutschland war danach nicht länger eine Demokratie als Österreich, bevor es in den Totalitarismus kippte. Das kann es nicht sein.

Es sei die Apathie, die Gewissheit, man könne ohnehin nichts ausrichten, meinen die anderen. Daher hülle man sich in wütendes Schweigen und protestiere bestenfalls dort, wo es niemand sieht: in der Wahlzelle.

Das ist kein gesunder Zustand, wie man im Land von Sigmund Freud leicht erkennen kann – nicht für den einzelnen Bürger, nicht für die Republik. Er hält diese in einem Teufelskreis gefangen: Unterdrückte Wut führt bei denen „da oben“ zur fälschlichen Annahme, es sei erstens ohnehin alles in Ordnung und man könne sich zweitens alles leisten. Die zwei Verhaltensweisen verstärken einander.

Anlässe für Wut der Bürger gibt es genug, aber niemand scheint sich aufzuregen: nicht über 600 in den Sand gesetzte Euro-Millionen beim Wiener Flughafen, nicht über die Millionen Euro, die im Freundeskreis eines Finanzministers Karl-Heinz Grasser hin- und hergeschoben wurden, nicht über Millionen ungerechtfertigter Abfertigungen und Auszahlungen an Manager. Steuergeld das meiste, um es ja nicht zu vergessen.

Liegt es etwa daran, dass bei allem geschichtlichen Gleichklang der deutsche Wutbürger mehr Selbstbewusstsein hat als der österreichische? Oder daran, dass protestantische Eigenverantwortung nicht mit katholischer Unterwürfigkeit zu vergleichen wäre? Liegt es an einem unheilvollen Gleichklang zwischen Politikern und Bürgern? Alles Geschwätz, keine Konsequenzen. Wie viel mehr Anlässe, wütend zu werden, muss es denn noch geben?


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2010)