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Kritik

„The Crown“: Die Monarchie, so alt wie nie

In Staffel fünf von „The Crown“ gibt es wieder einen völlig neuen Cast: Dominic West als ehrgeiziger Prinz Charles, Elizabeth Debicki als rastlose Diana.(c) Netflix/Keith Bernstein
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Die fünfte Staffel von „The Crown“ macht ein Problem der Netflix-Prestigeserie deutlicher denn je: Wo liegt die Grenze zwischen Fakten und Fiktion?

Die große Metapher in der neuen Staffel von „The Crown“ ist 126 Meter lang, wurde 1953 vom Stapel gelassen und heißt „Britannia“: Die royale Yacht ist Zuhause für Königin Elizabeth II. (Imelda Staunton), und sie ist alt. Sie kracht und ruckelt und müsste generalsaniert werden. Die Kosten dafür will der Premierminister John Major (Jonny Lee Miller) nicht übernehmen, das Königshaus auch nicht, und so wird das Schiff schlussendlich außer Dienst gestellt. Ist die Monarchie auch ein Relikt der Vergangenheit, teuer und sanierungsbedürftig? Diese Frage wirft „The Crown“ in Staffel fünf auf.

Sie spielt Anfang bis Mitte der Neunziger Jahre, es waren nicht die besten für die britische Königsfamilie. Von einem „annus horribilis“ spricht die Königin, nun wirklich schon eine alte Frau, einmal. Gemeint ist 1992. Die Ehen von drei ihrer Kinder liegen in Trümmern, Thronfolger Charles (Dominic West) wird ungeduldig und will sie beerben. Er wolle nicht ewig „eine nutzlose Verzierung, in einem Warteraum Staub ansetzend“ sein, sagt er. In den erstickenden Räumen des Kensington Palace, vollgestopft mit dicken Polstermöbeln, schweren Vorhängen und düsteren Gemälden, plant Diana (Elizabeth Debicki) ihre Flucht aus dem „System“.

So nennt Prinz Philip (Jonathan Pryce) die Familie, die vor allem eine Funktion zu erfüllen hat: die Monarchie abzusichern. Alles andere, alle anderen müssen sich der Krone unterordnen. Diese Divergenz zwischen Pflicht und Gefühl wurde in den ersten vier Staffeln ausgiebig behandelt, und in Staffel fünf, der ersten nach dem Tod der realen Queen, fühlt sich das Thema trotz komplett neuem Cast erstmals erschöpft an. Was passieren wird, ist bekannt, Spannung aufzubauen schwer: die Scheidungen, Andrew Mortons Enthüllungsbiografie über Diana, ihr mit unlauteren Mitteln erschlichenes Interview in der BBC, Charles' Tampon-Telefonat. Das alles war Thema unzähliger Artikel, Dutzender Dokumentar- und Spielfilme.

Ist Diana für William eine Verräterin?

Ein Problem der Serie zeigt sich hier deutlicher denn je: Wo liegt die Grenze zwischen Fakt und Fiktion? Ist es unlauter, noch lebenden Personen ohne ihre Zustimmung Dinge anzudichten? Schon seit längerem gibt es Unmut über die Serie bei den britischen Royals. Er ist verständlich. In der Serie sieht sich William (Senan West) als gerade einmal Elfjähriger in der Eliteschule das schonungslose Interview mit seiner Mutter an. Im Geschichtsunterricht davor wurde er über Guy Fawkes unterrichtet, der mit seinen Mitverschwörern 1605 versucht hatte, das englische Parlament in Westminster zu sprengen und mit ihm Königshaus und Machtelite. Bis heute wird das Scheitern des Plots in Großbritannien groß gefeiert. „Verräter“ seien Fawkes und seine Männer gewesen, lernt William, und die Serie zieht eine Parallele zu Diana, die dem Königshaus gewissermaßen in den Rücken fällt.

Gebrannt hat es auch noch im „annus horribilis“ 1992: Imelda Staunton und Jonathan Pryce als Elizabeth und Philip in Staffel fünf(c) Netflix (Keith Bernstein)

Die echte Royal Family wünscht sich (inoffiziell freilich), dass „The Crown“ sich vor jeder Folge als Fiktion ausweist. Das forderte jüngst auch die britische Schauspielikone Judi Dench, die befreundet ist mit Charles III. und Camilla. „Je näher das Drama der Gegenwart kommt, umso mehr scheinen die Macher gewillt zu sein, die Trennlinie zwischen historischer Korrektheit und simpler Sensationsgier zu verwischen“, schrieb Dench in einem Gastbeitrag für die „Times“. Bisher weigerten sich Drehbuchautor Peter Morgan und/oder Netflix, die Serie mit einem Hinweis zu versehen. Unter dem jüngsten Trailer auf Youtube wurde immerhin vermerkt, sie sei „inspiriert von wahren Begebenheiten“.

Der Serie fiele kein Zacken aus der Krone, wenn sie sich deklarierte. Am stärksten ist sie, wo sie größere Lücken zwischen historisch Verbrieftem ausschmückt. Eine Folge zeigt etwa den Aufstieg Mohamed Al-Fayeds vom ägyptischen Straßenverkäufer zum Inhaber des Warenhauses Harrod's. Wie er sich heranpirscht und sehr viel Geld ausgibt, um Kontakt zur Königsfamilie zu knüpfen, ist so unterhaltsam wie tragisch, wird es doch sein Sohn Dodi sein, der mit Diana 1997 (in Staffel sechs) tödlich verunglückt. Die Szene, in der Mohamed Al-Fayed die Prinzessin schließlich kennenlernt – sie wird als Ersatz für ihre Schwiegermutter geschickt – überrascht: Diana zeigt darin einen ganz eigenen, trockenen und selbstkritischen Humor. Eine schöne Abwechslung zum ewigen Lied der tragischen Prinzessin.

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