Diese drei Stunden „Buddenbrooks“ sind nicht genug

(c) Teresa Zoetl
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Heinrich Breloers Film ist auch in der längeren TV-Fassung schön, aber oft zu plump. Breloer hat auf einen Großteil Leitmotive verzichtet. Zu sehen am Montag und Dienstag im ORF.

„Es ist so!“ Das letzte Wort in Thomas Manns „Buddenbrooks“ hat die Erzieherin Sesemi Weichbrodt, „eine Siegerin in dem guten Streite, den sie während der Zeit ihres Lebens gegen die Anfechtungen von seiten ihrer Lehrerinnenvernunft geführt hatte, bucklig, winzig und bebend vor Überzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin“. Rührung und Ironie sind hier endlich eins geworden, am Ende der Familiensaga, in der das Christentum – bzw. der schlichte Glaube, zu dem sich Sesemi trotz aller Anfechtungen bekennt – eine bedeutende Nebenrolle spielt.

Regisseur Heinrich Breloer hat diesen letzten Satz behalten, aber einer anderen Frau in den Mund gelegt: der Erzieherin Ida Jungmann. Sein Motiv ist klar und lauter: Er wollte die Anzahl der Nebenfiguren auf ein übersichtliches Maß beschränken. Doch die Tiefe ist perdu. Denn die gute Ida hat nie gegen Anfechtungen der Vernunft kämpfen müssen, als Bekennerin ist sie unglaubwürdig, auch wenn sie ihren Satz mit „Aber, Tonychen“ einleitet. Sie hat auch nie „Sei glöcklich, du gutes Kind!“ gesagt, das war Sesemi, in einem der vielen Leitmotive, die die „Buddenbrooks“ durchziehen, die den „Verfall einer Familie“ begleiten.

Verzicht auf Leitmotive

Breloer hat auch auf einen Großteil dieser Leitmotive verzichtet oder sie zur Unverständlichkeit verknappt. Nach Ansicht des Films (der ab Dezember 2008 in den Kinos war) hatte man gedacht, sie seien Kürzungen zum Opfer gefallen: Die Kinoversion ist um 40 Minuten kürzer als der TV-Zweiteiler. Nun weiß man: Es ist nicht so. Auch in der längeren Fassung wird nicht verständlich, warum Christian Buddenbrook in existenziellen Situationen „Äußerlich, mein gutes Kind, bist du glatt und geleckt, aber innerlich, da bist du schwarz“ sagt – man hat den alten Zeichenlehrer, von dem das stammt, nie kennengelernt... Und auch in der längeren Fassung kommt Grobleben nur einmal vor, bei der Taufe Hannos, als bizarrer Unglücksprophet, wie er eher in den „Tod in Venedig“ passen würde.

Breloer hat dafür neue Leitmotive eingeführt: eine Wettfahrt zwischen Thomas und den Repräsentanten der konkurrierenden Familie, Hermann Hagenström, etwa. Viele seiner zusätzlichen Inventionen wirken aber plump: Wenn Gerdas Vater vom „Klangkörper“ der Geige schwärmt, wenn dann in Gerdas Geigenspiel eine Bettszene mit Thomas und Gerda geschnitten wird, wirkt das aufgesetzt und passt nur zum plakativ-kitschigen Soundtrack. So billig hätte es Thomas Mann nie gegeben. Auch die Idee, der Tony Buddenbrook eine (versteckte) Zuneigung zu Hermann Hagenström anzudichten, funktioniert nicht.

Gewiss, viel ist Breloer gelungen. Die Szenen zwischen Christian und Thomas etwa: August Diehl und Mark Waschke altern glaubhaft. Jessica Schwarz ist eine liebreizende Tony, auch im Flirt mit Alexander Fehling (als Morten Schwarzkopf). Doch wenn dieser von einem Gewitter katalysiert wird statt vom Herbst an der See, weiß man wieder, was den Unterschied ausmacht zwischen großer Literatur und dem Versuch, sie mit allen Mitteln sichtbar zu machen. An den „Buddenbrooks“ scheitert spekulative Illustration, und das ist gut so.
ORF2, ARD: 27. und 28.12., jeweils 20.15 h

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2010)

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