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Klimakonferenz

"Kalte Zunge" als Klimabremse, trotzdem Rekordhitze

SCIENCE EARTH
Die Erde ist fragil.(c) EPA (Dsk)
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Sprengkraft hat der neueste Bericht der Welt Meteorologie Organisation (WMO), der auf der Klimakonferenz vorgestellt wurde. Der Report liefert eine alarmierende Zusammenschau von Wetter-Anomalien, die zum Normal-Klima werden.

Die WMO bringt den Bericht seit 1993 heraus und seither sind, Jahr um Jahr, die Formulierungen deutlicher, die Warnungen lauter und die Daten eindeutiger geworden. Dies setzt sich auch im „Provisional State of the Global Climate 2022“ fort, von dem Fragmente bereits an die Öffentlichkeit geraten sind.

Der komplette Report wurde von der WMO am Montag publiziert. Die bekannt gewordenen Fakten sind schlimm genug, obwohl erwartbar und die Fortschreibung dessen, was Arbeiten aus jüngerer Vergangenheit ans Tageslicht gebracht haben.

Die Durchschnittstemperatur ist global um 1,15 Grad Celsius gestiegen (verglichen mit dem Mittelwert zwischen 1850 und 1900, wobei die durchschnittliche Schwankungsbreite bei 0,13o C liegt. Damit sind die Jahre 2015 bis 2022 die wärmsten Jahre, die bisher gemessen worden sind. 2022 dürfte das fünft- oder sechstwärmste Jahr überhaupt werden.

Wichtige Ergänzung: Die Erwärmung über den Landmassen ist etwa doppelt so hoch als über dem Meer. Und im Alpenraum ist sie noch einmal höher, in Österreich macht sie etwa 2o C aus. Daraus folgern Dürren in weiten Teilen Afrikas, die die Ernährungssicherheit von 19,3 Millionen Menschen gefährdete und Überschwemmungen in Pakistan, wo die Niederschlagsmenge um 243 % über der durchschnittlichen lag.

Kalte Strömung gibt nicht nach

Es hätte noch viel eindeutiger und schlimmer kommen können: Denn bei den Betrachtungen der Spitzenwerte, die auch heuer gemessen worden sind, wird in den meisten Fällen auf die globale Klimabremse vergessen: La Niña. Diese Meeresströmung zieht eine „kalte Zunge" vom Nordpazifik entlang der pazifischen Westküste, ehe sie im südlichen Ozean abtaucht. Sie kühlt den Pazifik ab, wodurch die Erwärmung auch global gebremst wird.

Für 2022 sogar in einem Ausmaß, dass die Meteorologen von einer „starken“ überdurchschnittlichen Abkühlung sprechen. Mit Besorgnis beobachten Wissenschaftler, dass La Niña, statt sich allmählich abzuschwächen, ins dritte Jahr geht, und das nicht ohne Vehemenz. Gleichzeitig ist auf der Nordhalbkugel, insbesondere über der Arktis und den angrenzenden Regionen eine Hitzewelle aufgetreten, die die Wissenschaftler als „extrem“ bezeichnen.

Die obersten 2000 Meter Meer haben sich auch 2021 weiter erwärmt und in den Weltmeeren ist mehr Wärme denn je zuvor. Die Erwärmung der Ozeane lag zwischen 1971 und 2021 bei 0,6 Watt pro Quadratmeter, zwischen 2006 und 2021 aber bei 1,0 W/m2 – bei beiden Werten gibt es eine Schwankungsbreite von 0,1 W.

Das führt auch dazu, dass sich die Meere ausdehnen, der Meeresspiegel also steigt. Der Meeresspiegel ist seit 1993 (Beginn der Satellitenmessungen) im ersten Jahrzehnt um 2,2 Millimeter gestiegen, im letzten Jahrzehnt (2013 bis 2022) aber um 4,4 mm. Der Durchschnittswerte für alle 30 Jahre liegt bei etwa 3,4 mm (Schwankungsbreite bei 0,3 mm). Das Tempo scheint zuzunehmen: Seit Jänner 2020 wird ein Anstieg des Meeresspiegels um 10 mm gemessen.

Die Kehrseite der Medaille: Das Eis schmilzt, wohin man blickt. In den Schweizer Alpen verlieren die Gletscher von 2021 bis zum heurigen Sommer ein Drittel des Volumens, das von 77 km3 auf 49 gesunken ist. Auf Grönland war auf der „Summit Station“, mit etwa 3200 Metern der höchsten Erhebung auf Grönland, am 3. September Schneeschmelze zu beobachten – für die Wissenschaft ein Novum, weil noch nie dagewesen.

„Nachhaltige Entwicklung in Gefahr"

Noch eine Messung, die Experten mehr als aufhorchen lässt: Die Konzentration der drei bedeutendsten Treibhausgase – Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Di-Stickstoffmonoxid (N2O; Lachgas) – haben Spitzenwerte erreicht – CO2 149 % über dem vorindustriellen Wert über 1750), CH4 um 262% und N2O um 124% mehr.

Großes Augenmerk wird dabei auf Methan gerichtet, das zwar kurzlebige als CO2 ist, allerdings in den knapp 12 Jahren, in denen es in der Atmosphäre verbleibt, eine um das 20- bis 30-fache Treibhaus-Wirkung entfaltet (verglichen mit CO2). Dazu kommt noch, dass der Abbau exponentiell erfolgt - je mehr Methan in der Atmosphäre vorhanden ist, desto länger ist die Verweildauer von Methan in der Atmosphäre.  Und bei Lachgas (Verweildauer mehr als 120 Jahre) ist die Wirkung 300-mal so groß. Hauptquelle für Lachgas-Emissionen: Düngemittel.

Um den Zielpfad nicht zu verlassen, den die Limitierung des Temperatur-Anstiegs auf 1,5 bis 2 Grad vorgibt, ist der künftige Verbrauch an Treibhausgasen limitiert. Wenn jetzt verstärkt das hyperaktive Methan oder Lachgas in die Atmosphäre gepumpt werden, dann schränkt dies die Aktionsmöglichkeiten in den kommenden Jahren über Gebühr ein; Aktionsmöglichkeiten auch für jeden und jede Einzelnen.

„Das alles zusammengenommen“, heißt es im Bericht, „unterminieren diese Änderungen des globalen Klimas die Fähigkeit, nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Die gegenwärtige Entwicklung untergräbt neun von 17 „Sustainable Development Goals“ (SDGs).

>> Provisional State of the Global Climate 2022

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