Lindenbäume verdorren, Forellen werden gefangen

Endlich Zeit zum Lesen? Und zum Hören? Wer vorhat, einmal tiefer in den Kosmos Schuberts vorzudringen, dem hilft jetzt ein Buch weiter.

Zwischen Töne

Ein Plädoyer für das genaue Lesen? Vielleicht ist das in Zeiten wie diesen ohnehin nur in der „Zwischenkriegszeit“ möglich, in den wenigen Tagen zwischen dem Absterben der Weihnachtsexzesse und dem Wiederbeginn des ganz normalen Alltagswahnsinns. Vorausgesetzt, man wirft sich nicht in die vorgeschriebenen Wintersportschlachten.

Also? Vielleicht gibt es jenseits der belletristischen Lektüre, die man sich für diese paar Tage vorgenommen hat, auch noch Gelüste, einmal tiefer in ein musikhistorisches Phänomen einzudringen. In die Welt Franz Schuberts zum Beispiel.

Schubert ist ja möglicherweise jener Komponist, dessen Lebensweg für die Betrachtung der Nachwelt am allerundurchdringlichsten mit Legenden zugeschüttet und unkenntlich gemacht wurde. Wobei die Dreimäderlhaus-Ideologie nicht nur den Blick verstellt, sondern auch die Hörgewohnheiten verfälscht hat. Exzessiv. Bis heute halten viele den „Lindenbaum“ für ein schlichtes, nettes Volkslied, bei dem ein Brunnen vor dem Tor steht und wahrscheinlich brav Wasser spendet, damit das Bäumchen nicht verdorrt, sondern Jahr für Jahr seine duftenden Blüten treibt.

Immerhin hat die Musikologie in den vergangenen Jahren die Schubert-Biografie kräftig umgeschrieben und die biedermeierliche Camouflage enttarnt. Schubert-Exegeten haben für die Verbreitung der Wahrheit allerhand getan, manche vielleicht sogar ein wenig zu viel, sodass das Pendel ins Gegenteil umzuschlagen drohte. Fritz Lehners Schubert-Film hat mittlerweile auch schon zwei Jahrzehnte auf dem Buckel. Man weiß also Bescheid. Und manche Interpreten musizieren Schuberts Musik auch anders, rauer als zuvor.

Doch bleiben Aufführungen von Werken wie der großen A-Dur-Sonate, bei denen im zweiten Satz die katastrophischen, negativen Schwingungen wie Urgewalten aller Harmonie ein Ende machen, Raritäten. Um vieles drückt man sich also herum. Es mangelt vor allem an einem lesbaren Buch, das die jüngere Forschung auf knappem Raum zusammenfasst und dem Musikfreund zugänglich macht.

Es mangelte, muss man sagen.

Im Chopin- und Schumann-Jahr ist nämlich ein Schubert-Buch erschienen, das jedem Neugierigen ans Herz gelegt sei. Es heißt bezeichnenderweise „Schubert. Schubert?“ (Bärenreiter Verlag). Fragezeichen bleiben ja. Aber das, was an Quellen vorliegt, wurde vom langjährigen Wiener Ordinarius für Musikwissenschaft, Gernot Gruber, wirklich genau gelesen und erstmals wohldosiert aufbereitet. Zunächst entwirft Gruber aus Zeitdokumenten ein anschauliches Bild von Schuberts Lebensumständen. Dann lauscht er der Musik, um das entstandene Persönlichkeitsbild abzurunden und auch für den Schubert-Hörer nachvollziehbar zu machen.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2010)

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