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Selfiecide - der Absturz durch Handy-Foto

Ich selbst bilde mir weiterhin ein, die Selbstinszenierungsspirale in Gang gebracht zu haben.
Ich selbst bilde mir weiterhin ein, die Selbstinszenierungsspirale in Gang gebracht zu haben.Martin Amanshauser
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Selfiecide heißt der unfreiwillige Antritt der letzten Reise via Handy-Unfall.

Seit ich mich in den Siebzigerjahren mehrmals mit weit ausgestrecktem Arm selbst fotografierte, war ich überzeugt davon, Erfinder des Selfies zu sein. Doch meine Ansprüche auf das Copyright an dieser Kulturtechnik gehen nicht einmal bei meinem Freund durch, dem Fotografen Corn. Der hält sich selbst für den Erfinder und lacht nur. Uns beide ausgelacht hätten Chlorsilberpapier-Fotopionier Hippolyte Bayard und Daguerrotypist Robert ­Cornelius, die 1839 erstmals Selfies anfertigten, wobei nur jenes von Letzterem ernst genommen wurde. Beleidigt knipste sich 1840 Bayard als Wasserleiche und schrieb hinten aufs Foto: „Jetzt hat der Unglückliche sich ertränkt.“

Ein fiktiver Todesfall als Auftakt zu bizarren Selfiecides! Der klassische Fall: Jemand tappt auf der Suche nach dem Idealhintergrund herum, gleitet aus und plumpst in Canyon, Wasserfall oder ­Vulkan. Jüngst stürzte eine Touristin fotografierend vom Areopag, jenem ­Felsen nordwestlich der Akropolis. Guter Ort, dort soll auch der Bote ­Pheidippides nach der Schlacht von Marathon zusammengebrochen sein. Bis zu 400 tödliche Selfie-Unfälle pro Jahrzehnt registrieren Studien, das wären etwa fünfmal so viele wie die bei Hai-Attacken. In absoluten Zahlen fertigen Frauen deutlich häufiger Selfies an, heißt es, doch trotzdem sind drei Viertel der Selfiecider männlich. Sich aus Zügen Lehnende werden geköpft, mit Waffen Posierende schießen sich in den Kopf, Pilotierende verlieren die Kon­trolle über Flugzeuge, scharfe Land­minen explodieren in Armen, Raubtiere nützen die Gelegenheit zum Fraß der sich neben ihnen aufplusternden Menschen, Motorradselfies enden auch gern in der Pathologie. Indien mit seinen Dutzenden Millionen Nichtschwimmern hat an vielen Gewässern bereits Selfie-Verbotszonen eingerichtet.

Das Wort „Selfie“ selbst durchlief indes einen Bedeutungswechsel – bis circa 2005 bezeichnete es die Selbstbefriedigung – und diversifizierte sich. Das Selbstporträt Besoffener heißt Drelfie, das Lockdown-Foto vor der eigenen Bücherwand Shelfie. Wer aber erst nach dem Absturz knipst, erntet ein Suglie, ein echt hässliches Selfie.

("Die Presse Schaufenster" vom 04.11..2022)