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Das Großmächte-Europa von 1914 (hier in einer französischen Karikatur) war untergegangen. Wo lag nach dem Ersten Weltkrieg die Zukunft für den Kontinent, jenseits der nationalen Zersplitterung?
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Die Welt bis gestern

"Europäer, werdet Europäer!"

Glasklar formuliert und vernünftig waren die Argumente, die vor 100 Jahren über ein gemeinsames Europa formuliert wurden. Dennoch scheiterte die Paneuropa-Idee.

Vor dem Ersten Weltkrieg war Europa eine Selbstverständlichkeit, danach entstand aber ein dunkles, antieuropäisches Bewusstsein, das von der Zukunftslosigkeit des Kontinents ausging. Der Dekadenzanalyse und Untergangsprophetie eines Oswald Spengler stellte sich damals ein altösterreichischer Graf entgegen, der leidenschaftlich, ja geradezu schwärmerisch die Idee einer Vereinigung des zersplitterten Europa vertrat. Ihn nicht ernst zu nehmen und als Utopisten zu verspotten war angesichts seiner glasklaren, vernunftorientierten Argumente schwer möglich. Im November 1922 trat er, Richard Coudenhove-Kalergi, damit an die Öffentlichkeit, an seinem Geburtstag, dem 17. November, veröffentlichte er in der „Neuen Freien Presse“ den Artikel „Paneuropa. Ein Vorschlag“.

Dass ein Mann wie er mit engstirnigem Nationalismus nichts anfangen konnte, lag auch in seiner Biografie begründet. Er war der Sohn eines westöstlichen Paars, seine Mutter war Japanerin, sein Vater ein altösterreichischer Adeliger. Dass ihn das Jahr 1918 staatenlos machte, war ihm „herzlich gleichgültig“, er fühlte sich als Kosmopolit und als „Bürger des aufgehenden Völkerbundes“. In seiner Familie dachte man in Kontinenten, Asien und Europa. Er selbst riskierte auch den Konflikt mit den Traditionalisten, wurde Freimaurer, heiratete eine Halbjüdin, die 13 Jahre ältere Schauspielerin Ida Roland, die seine Idee leidenschaftlich unterstützte, wurde freier Schriftsteller und Philosoph.