Lebensversicherungen brauchen für ihre Garantien Milliarden an zusätzlichem Eigenkapital. Es herrscht Angst vor japanischen Verhältnissen. Die Kunden müssen sich daher mit geringeren Renditen zufriedengeben.
Wien. In Deutschland schlägt die Finanzaufsicht BaFin Alarm: Sie hat die Lebensversicherungen aufgefordert, 2011 die Rücklagen deutlich zu erhöhen. Genaue Zahlen wurden nicht genannt. Doch laut Angaben der Versicherungswirtschaft geht es um Milliardenbeträge. Dahinter steckt die Angst vor japanischen Verhältnissen. Wegen der Niedrigzinsphase brachen in den neunziger Jahren sechs große Versicherungen und viele kleine Gesellschaften zusammen. Sie waren nicht mehr in der Lage, den Kunden die versprochene Gewinnbeteiligung zu zahlen.
Sowohl in Deutschland als auch in Österreich haben die Gesellschaften noch viele alte Verträge, bei denen Kunden ein Garantiezins von jährlich vier Prozent auf den Sparanteil zugesagt wurde. Doch diese vier Prozent sind derzeit kaum zu erwirtschaften.
Die meisten Assekuranzen haben mit den Kundengeldern sichere Staatsanleihen gekauft. Als Benchmark gilt die zehnjährige deutsche Bundesanleihe, die eine Rendite von 2,9 Prozent abwirft. Vom Börsenaufschwung profitieren die Versicherungen kaum, da ihre Aktienquote niedrig ist. Der Präsident des deutschen Versicherungsverbands, Rolf-Peter Hoenen,forderte die Zentralbanken dazu auf, die Zinsen zu erhöhen: „Das niedrige Zinsniveau wird nicht heute oder morgen, aber irgendwann zum Problem.“
„Fels in der Brandung“
Wie ist die Situation in Österreich? Ähnlich wie die Banken müssen sich die heimischen Versicherungen regelmäßig einem Stresstest der Finanzmarktaufsicht (FMA) unterziehen. Dabei wird unter anderem geprüft, wie lange die Gesellschaften ein derart niedriges Zinsniveau aushalten. Die Ergebnisse der Tests werden unter Verschluss gehalten. „Derzeit besteht aber kein Anlass zur Sorge“, versicherte ein FMA-Sprecher.
Für Louis Norman-Audenhove, Generalsekretär des Versicherungsverbands, haben sich die Unternehmen als Fels in der Brandung erwiesen. Im Gegensatz zu den Banken musste keine Assekuranz Staatshilfe in Anspruch nehmen. Nicht ganz so euphorisch ist Walter Hager vom Verein für Konsumenteninformation. „Ich glaube nicht, dass die Lage in Österreich so viel anders ist als in Deutschland.“ Laut Hager dürften die heimischen Gesellschaften wegen der schwierigen Lage an den Finanzmärkten bereits Rückstellungen aufgelöst beziehungsweise weniger Rückstellungen gebildet haben. „Das Problem ist, dass wir die Daten der Versicherungen nicht genau einsehen können.“ Diese Intransparenz müsse sich ändern. Hager kritisiert auch die hohen Verwaltungskosten. Nur 80 Prozent der einbezahlten Prämien werden tatsächlich veranlagt, der Rest geht für Spesen drauf.
Rudolf Mittendorfer, Obmann der Wiener Versicherungsmakler, hält die Furcht vor japanischen Verhältnissen für übertrieben: „Die Zinsen werden mittelfristig wieder steigen.“
Garantiezins wird reduziert
Trotzdem müssen die Versicherungen auf Anordnung der Finanzmarktaufsicht ab April 2011 den jährlichen Garantiezins für neue Verträge vorsorglich von 2,25 Prozent auf 2,00 Prozent senken. In Deutschland ist sogar eine Reduktion auf 1,75 Prozent vorgeschrieben.
Verschärft wird die Lage durch die strengeren Eigenkapitalvorschriften („Solvency II“). Demnach sollen Lebensversicherungen ab 2013 für ihre Garantien deutlich mehr Eigenkapital bilden. Laut Schätzungen des österreichischen Versicherungsverbands könnte dies die Branche bis zu elf Mrd. Euro kosten. Dadurch dürften die Renditen für die Kunden noch einmal zurückgehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2010)