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Am Herd

Beim Friseur in Tel Aviv

Ich überlegte, ob ich so fasziniert zugesehen hätte, wäre es nicht ein orthodoxer Jude gewesen – oder ein orthodoxer Christ oder ein orthodoxer Muslim.

Vermutlich wäre uns diese Szenerie entgangen. Es ist nur so: Mein Mann musste zum Friseur. Dringend. Und so verweilten unsere Blicke, als wir da in einem Lokal nahe dem Shuk Hacarmel in Tel Aviv auf unser Essen warteten, länger als sonst auf dem Fenster des kleinen Salons gegenüber. Ein orthodoxer Jude hatte da im Sessel Platz genommen, ein älterer Herr mit scharfen Gesichtszügen, strenger Miene und schlohweißem Bart, wie aus dem Alten Testament, sagten wir, wie aus der Thora, hätten wir vielleicht sagen sollen, aber jeder vergleicht, wie er es kennt.

Dieser ältere Mann war unzufrieden. Irgendetwas passte ihm nicht. Er schimpfte. Erklärte. Er nahm dem Friseur die Schere aus der Hand, stand auf und ging näher zum Spiegel, schnippelte ein bisschen an seinem Haupthaar, setzte sich wieder hin, hielt ein paar Minuten still, sprang wieder auf. War er selbst Friseur? Also aufgebracht über das schleißige Handwerk des Kollegen? Oder einfach nur eitel? So ging das seine Zeit, es war ein Schauspiel, in den Hauptrollen ein Friseur mit Engelsgeduld und ein aufbrausender Kunde, und wir hatten einen Logenplatz.