Familiäre Bande, die Franz Welser-Möst fesseln

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Die Wiener Philharmoniker präsentieren am 1. Jänner zu ihrem traditionellem Neujahrskonzert ein Programm rund um den Jubilar Franz Liszt und musizieren wieder unter der Leitung eines österreichischen Maestros.

Mit Johann Strauß selbst ist Franz Welser-Möst nicht verwandt. Nicht direkt. Aber seine Urgroßmutter war eine geborene Dommayer. Und deren Mutter wiederum war die Tochter des Sperl-Wirts. Innigere familiäre Bezüge zur Geschichte des Wiener Walzers hatte noch kein Dirigent des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker aufzuweisen. Mit ein wenig Selbstironie gab der frisch gebackene Generalmusikdirektor der Staatsoper derlei Histörchen zum Besten, als er im Verein mit Orchestervorstand Clemens Hellsberg zur Pressekonferenz im Hotel Imperial erschien.

Tatsächlich war das legendäre Sperl in der Leopoldstadt die wichtigste Aufführungsstätte für Vater Strauß, den ersten Walzerkönig, und seinen Partner Joseph Lanner. Das Hietzinger Etablissement Dommayer folgte einige Zeit später und wurde 1845 zum Ort des Debüts von Johann Strauß Sohn. Das war die Initialzündung zur märchenhaften Karriere des zweiten Walzerkönigs, der mit seinen Brüdern Joseph und Eduard die vom Vater begründete Orchesterkultur weiterführte und zur internationalen Marke machte.

Davon profitieren die Philharmoniker und mit ihnen die Musikstadt Wien bis heute. Die von Clemens Krauss in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft begründeten „Neujahrskonzerte“ galten zunächst als deutliches Zeichen wienerischen Selbstbewusstseins und wurden nach der Befreiung, 1945, bald zum weltweit vermarkteten musikalischen Exportartikel, den seit Ende der Fünfzigerjahre auch das Fernsehen in alle Welt transportiert.

Neujahrspremiere für „Mephisto-Walzer“

Mit Franz Welser-Möst steht zum Jahreswechsel 2010/11 nach Krauss, Josef Krips, Willi Boskowsky, Herbert von Karajan und Nikolaus Harnoncourt wieder ein gebürtiger Österreicher am Pult der Philharmoniker. Die wienerischen familiären Verbindungen des Dirigenten und die Tatsache, dass er in Oberösterreich geboren wurde, wo wiederum der heute als Wiener Erfindung geltende Walzer seine Wurzeln haben soll, sind nicht die einzigen historischen Bande, auf die die Orchesterführung diesmal verweisen kann. Auch das Programm ist beziehungsreich.

Es verweist ebenso auf Franz Liszt, dessen 200. Geburtstag mit einer Aufführung seines „Mephisto-Walzers Nr.1“ zelebriert wird, der noch nie im Neujahrskonzert erklungen ist. Rund um diese Premiere gruppieren sich Stücke, die von der Strauß-Dynastie dem großen Virtuosen gewidmet bzw. von dessen Werken inspiriert wurden.

Im ersten Teil des Programms befinden sich Tänze, die Johann Strauß Sohn aus Melodien seiner Operette „Simplicius“ gestaltet hat, allen voran der Walzer „Donauweibchen“. Das entspricht einem Wunsch von Welser-Möst, der in seiner Zeit als Chefdirigent der Zürcher Oper die Wiederaufführung jenes Werks leitete, das nach seiner Premiere rasch in Vergessenheit geraten war und von dem erst die Entdeckung eines Konvoluts von Orchesterstimmen in einem Wiener Antiquariat die Revitalisierung möglich machte.

Wie gewohnt, wird der Mitschnitt des Konzerts rasch vermarktet. Die DVD, die bei Decca erscheint, soll bereits am 7.Jänner im Handel sein. Der ORF überträgt zum 53.Mal live und zeigt wie immer auch Tanzeinlagen mit dem Wiener Staatsballett, die diesmal Jean-Guillaume Bart choreografiert.

Im Programm 2011

Johann Strauß: Reiter-Marsch; Donauweibchen. Walzer; Amazonen-Polka; Debut-Quadrille; Muthig voran! Polka schnell; Csárdás aus „Ritter Pázmán“; Abschieds-Rufe. Walzer; Spanischer Marsch.

Josef Lanner: Die Schönbrunner. Walzer.

Johann Strauß Vater: Furioso-Galopp nach Liszt-Motiven; Cachucha-Galopp.

Franz Liszt: Mephisto-Walzer I.

Joseph Strauß: Aus der Ferne. Polka mazur; Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust. Walzer.

Joseph Hellmesberger: Zigeunertanz aus „Die Perle von Iberien“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2010)

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