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China heizt Konflikt um „Seltene Erden“ an

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(c) REUTERS (DAVID GRAY)
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Der Quasimonopolist will 2011 deutlich weniger der begehrten Hightech-Metalle exportieren. Die USA müssen ihre eigenen Reserven wieder anzapfen und drohen China mit einem WTO-Verfahren.

Wien. Auf den ersten Blick ist das silbrig glänzende Metall nichts Besonderes, in der Erde ist es häufiger zu finden als Blei. Dennoch hat sich sein Kilopreis allein heuer auf knapp 67Euro vervierfacht. Denn ohne Neodym würde kein Blackberry funktionieren, die Kopfhörer des iPod blieben stumm, und Hybridautos könnten keinen Meter weit fahren. Die Nachfrage steigt Jahr für Jahr um bis zu 20Prozent. Neodym ist eines jener 17Metalle, die landläufig „Seltene Erden“ genannt werden. Um sie ist ein regelrechter Handelskrieg entflammt.

Preisverhandlung aus einer Hand

Das Quasimonopol hält China. 97Prozent aller „Seltenen Erden“, die von Hightech-Unternehmen weltweit gebraucht werden, kommen aus den Minen der Volksrepublik. Diesen Vorteil spielt Peking geschickt aus. Seit 2005 sind die Ausfuhren kontinuierlich gedrosselt worden. 2011 sollen wieder elf Prozent weniger „Seltene Erden“ die Landesgrenzen passieren, kündigte China gestern, Dienstag, an. Zudem will das Land die Exportzölle auf bis zu 25Prozent anheben. Um die Verhandlungsmacht weiter zu stärken, haben sich die 93führenden chinesischen Minenbetreiber zu einem Industrieverband zusammengeschlossen, der künftige Preisverhandlungen übernehmen soll.

Das bringt westliche Abnehmer gehörig ins Schwitzen. Europäische Industriebetriebe klagen regelmäßig über drohende Engpässe. Die USA drohten China erst zu Weihnachten mit einem Verfahren vor der Welthandelsorganisation WTO.

China droht WTO-Verfahren

Die Reaktion der Chinesen fiel betont gelassen aus: Die Exportquoten seien im Einklang mit den Regeln der WTO, die Produktion der begehrten Metalle müsse aus Umweltschutzgründen gedrosselt werden. Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass China auf eine Preisexplosion setzt. Denn das würde ein Verfahren vor der WTO nur wahrscheinlicher machen und andererseits den Schwarzmarkt anfeuern, der von illegalen Minen im Süden des Landes beliefert wird. Stattdessen baut Peking eine strategische Reserve von 200.000Tonnen des Zukunftsmaterials auf, berichten chinesische Medien. Denn ewig wird auch dieses Monopol nicht bestehen bleiben. So selten, wie ihr Name vermuten lässt, sind die umkämpften Metalle nämlich nicht. Thulium, das seltenste Element aus der Gruppe, kommt häufiger vor als Gold oder Platin. Nur 30 bis 60Prozent der weltweiten Reserven lagern tatsächlich in chinesischem Boden. Etliche Staaten, wie die USA, Australien, Grönland, Brasilien, Russland und Indien, sitzen auf ungehobenen Reserven.

USA sitzen auf großen Reserven

Die meisten Minen außerhalb der Volksrepublik sind jedoch geschlossen worden, weil sie mit den chinesischen Preisen nicht mithalten haben können. Mit den gestiegenen Preisen ist es aber auch für die USA wieder rentabel geworden, die eigenen Schätze auszubeuten. Das geht allerdings nicht von heute auf morgen. Bis die stillgelegten Minen reaktiviert und neue Anlagen zur Veredelung gebaut sind, können 15Jahre vergehen, schätzt der US-Rechnungshof.

Der US-Minenbetreiber Molycorp, weltweit der größte nichtchinesische Produzent „Seltener Erden“, hat einen ambitionierteren Zeitplan. Heuer ist ein Teil der Produktion in einer stillgelegten Mine in der Mojave-Wüste in Kalifornien wieder aufgenommen worden. 2012 soll das in großem Stil geschehen. Werden dann, wie geplant, 20.000Tonnen im Jahr produziert, wären die USA ihre Sorgen los.

Auf einen Blick

China will 2011 weniger „Seltene Erden“ exportieren. Heute kommen 97 Prozent der Metalle, die in jedem Smartphone, Elektroauto und Flachbildschirm stecken, von dort. Die USA nehmen ihre stillgelegten Minen wieder in Betrieb.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2010)