Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Studie

Wie leben die Älteren unter den Alten?

Wie geht es Menschen, die über 80 Jahre alt sind? Wie gesund sind sie, wie wohnen sie, wie werden sie betreut? Welche Bedürfnisse und Präferenzen haben sie? Eine umfassende Studie nimmt seit fast zehn Jahren die Situation hochbetagter Menschen in Österreich in den Blick.

Ich glaub’ nicht, dass man sich auf das Alter vorbereiten kann. Ich glaube, daran denkt ja gar niemand, dass man so alt wird“, sagt eine 93-Jährige. Ihr Zitat findet sich auf der Homepage der Österreichischen Interdisziplinären Hochaltrigenstudie (ÖIHS) – der ersten umfassenden Studie, die sich ausschließlich mit dem Leben hochbetagter Menschen in Österreich befasst.

In jüngeren Jahren die Phase des hohen Alters auszublenden, das pragmatisch als Phase jenseits des 80. Lebensjahrs definiert wird, mag aus der Perspektive des einzelnen Menschen verständlich sein. Aus Sicht der Gesamtgesellschaft ist es unklug, da die Hochbetagten schon derzeit etwa in Österreich die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe sind. Ihr Anteil dürfte sich laut Demografen bis zum Jahr 2050 verdoppeln.

„Die Herausforderungen des hohen Alters“, lautet entsprechend der Untertitel des Berichts zur dritten Erhebung der ÖIHS, der den Verantwortlichen angemessen schien – dem Alternsforscher und Allgemeinmediziner Georg Ruppe, der die Studie als Projektleiter verantwortet, und dem Soziologen Andreas Stückler als stellvertretendem Leiter.

Bereits die erste Erhebungswelle ab 2013 (in Wien und der Steiermark) sowie die zweite ab 2016 (unter Erweiterung auf Niederösterreich) brachten wesentliche Ergebnisse hervor. Das Verständnis dieser Daten vertiefte sich laut Ruppe durch die Ergebnisse der dritten Welle, die 2022 abgeschlossen wurde. Sie bezog mit Salzburg ein weiteres Bundesland mit ein und kann mit knapp 720 umfassenden persönlichen Interviews auf eine wesentlich größere Stichprobe verweisen als die beiden ersten Wellen. Der Bericht dazu vermag, kombiniert aus den Daten aller drei Erhebungen, sehr gut untermauerte Ergebnisse und Empfehlungen abzuleiten.

Viele weitgehend selbstständig. Als größte Herausforderung des hohen Alters sehen die Studienautoren, die Funktionalität und Selbsthilfefähigkeit zu erhalten. Fast zwei Drittel der teilnehmenden hochbetagten Personen sind von ausgeprägten funktionalen Einschränkungen betroffen. In vielen dieser Fälle sind auch fortgeschrittene kognitive Defizite zu konstatieren. „Gerade kognitive Einschränkungen haben einen bedeutenden Einfluss auf Funktionalität und Selbsthilfefähigkeit und gehen zudem mit einer signifikant erhöhten Sterbewahrscheinlichkeit einher“, berichtet Ruppe. Dennoch verfüge ein großer Teil über einen vergleichsweise guten Allgemeinzustand und sei in der Lage, ein weitgehend selbstständiges Leben ohne nennenswerten Hilfsbedarf zu führen. Vor diesem Hintergrund seien bestehende gesellschaftliche Altersbilder zu differenzieren und zu überdenken.

Zudem ergeben erste Längsschnittanalysen, dass bei einigen Personen im Laufe der drei Erhebungswellen (von 2013 bis 2016 und 2022) gewisse Verbesserungen funktionaler Einschränkungen beobachtet wurden. Dies wird von den Autoren der Studie zumindest als Hinweis darauf gesehen, dass manche Verluste im Alter bis hin zur sogenannten Frailty (internationaler Terminus für Gebrechlichkeit) nicht notwendigerweise unumkehrbar sein müssen. Jedenfalls kann man von Potenzialen hochaltriger Menschen ausgehen, die gezielt gefördert werden könnten, um ihre Selbsthilfefähigkeit und Autonomie so lang wie möglich zu erhalten – oder sogar wieder zu stärken.

Hohe Lebenszufriedenheit. Mehr als 80 Prozent der teilnehmenden hochaltrigen Personen zeichnen sich durch eine überwiegend hohe Lebenszufriedenheit aus. Die Prävalenz (Erkrankungsrate) von Depressionen, die mithilfe eines geriatrischen Screening-Instruments ermittelt wurde, ist mit 15 Prozent als relativ gering zu bewerten. Schwere Depressionen stellen dabei laut den Studienautoren die Ausnahme dar. Trotz der bemerkenswert hohen Zufriedenheitswerte und der relativ geringen Depressionsrate ist jedoch deutlich eine wachsende emotionale Verletzlichkeit hochaltriger Menschen erkennbar – vor allem bei chronischen Schmerzzuständen, bei Pflegebedürftigkeit, bei stärkeren kognitiven Einbußen und bei Verwitwung. Der Bericht empfiehlt, unter diesen Aspekten mehr Beratungsangebote oder auch psychotherapeutische Angebote für ältere Menschen zu entwickeln.

Ein tabuisiertes Thema speziell der Hochaltrigkeit, das in der ÖIHS erstmals umfassend empirisch erfasst wurde, ist Harninkontinenz. Immerhin leidet rund ein Drittel der untersuchten teilnehmenden Personen, darunter deutlich mehr Frauen, unter diesem Krankheitsbild. Da Harninkontinenz nicht nur mit funktionalen Einschränkungen und einer deutlichen Minderung des subjektiven Wohlbefindens einhergeht, sondern auch in vielen Fällen zu einem Anstieg der Pflegebedürftigkeit bis hin zum Umzug in Pflegeheime führt, sind aus Sicht der Studienautoren unbedingt mehr bewusstseinsbildende und enttabuisierende sowie auch gezielte präventive und therapeutische Maßnahmen zu entwickeln: Zum Beispiel in Richtung einer guten und intensiven persönlichen Beratung der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

Nur wenige Einsam. Überraschende Ergebnisse, die sich erstmals im Rahmen der dritten Erhebungswelle zeigten, war unter anderem eine unerwartet geringe Prävalenz von Einsamkeit: Nur etwa fünf Prozent der Befragten gaben an, sich häufig oder ständig einsam zu fühlen. „Dies deutet darauf hin, dass Einsamkeit offensichtlich ein geringeres Problem des hohen Alters ist als bisher angenommen“, sagt Stückler. Unabhängig davon existiere allerdings eine nicht zu vernachlässigende Minderheit, die sogar sehr von Einsamkeit belastet sei. „Und diese Personengruppe befindet sich nicht mehrheitlich in Privathaushalten, sondern tendenziell sind sogar mehr Personen im Pflegeheim betroffen, was man vielleicht nicht unbedingt vermuten würde“, berichtet der Soziologe.

Ein weiterer Punkt, mit dem die Experten so nicht unbedingt gerechnet hätten, betrifft die Auswirkungen sozialer Ungleichheiten. Befunde aus den Längsschnittanalysen zeigen deutlich, wie stark sich Bildungsniveau und Einkommen über den Lebensverlauf hinweg auf die Gesundheit und Mortalität im Alter auswirken und umgekehrt geringe Schulbildung oder Altersarmut Faktoren sind, die das Risiko für schlechtere Gesundheit und besonders für Demenz stark erhöhen. In der Gruppe der Hochbetagten schwächt sich diese Differenz zwischen sozioökonomisch schlechter und besser gestellten Personen jedoch wieder ab. Dies deutet aus Sicht der Autoren darauf hin, dass die Grundlagen für „Gesundheit im Alter“ bereits früher gelegt werden und deshalb auch bereits in jüngeren Lebensphasen angesetzt werden muss, um gesundheitlicher Ungleichheit entgegenzuwirken.

Stadt und Land ähnlich. Außerdem laut den Fachleuten bemerkenswert: Es sind keine ausgeprägten Stadt-Land-Unterschiede auszumachen. Die Gesamtsituation hochaltriger Menschen, die am Land leben, ist nicht wesentlich besser oder schlechter als in der Stadt. „Freilich gibt es in Details – soziale Netze, Pflegearrangements, Mobilität, Gesundheitssituation, finanzielle Sicherheit – gewisse Unterschiede, die sich aber insgesamt in gewisser Weise ausgleichen“, so die Studienautoren. Der einzige signifikante Stadt-Land-Unterschied bestehe im Hinblick auf die kognitive Situation. „Hier schneidet der ländliche Raum schlechter ab, was wiederum deutlich mit niedrigerem sozioökonomischem Status korreliert.“

Interessant sind auch die Ergebnisse der Fokusstudie zum Erleben der Covid-19-Pandemie. Hochaltrige Menschen in Österreich sind laut Ruppe und Stückler überraschend gut durch die Pandemie gekommen – sofern sie nicht alleinlebend waren und/oder auf hinreichende Unterstützung durch Angehörige zurückgreifen konnten. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass die Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung durchaus mit gravierenden Einschränkungen verbunden waren und auch psychische Spuren bei den Befragten hinterlassen haben. „So haben zum Beispiel Einsamkeit und depressive Symptome in der Stichprobe im Verlauf der Pandemie deutlich zugenommen, wenn auch die Betroffenheit durch Einsamkeit und Depression sich insgesamt auf recht niedrigem Niveau bewegt hat.“

Und: Man darf gespannt sein – auch im Rahmen der geplanten ÖIHS IV soll es wieder eine Fokusstudie zu einem besonders relevanten oder aktuellen Thema des hohen Lebensalters geben. Fortsetzung folgt.