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Impfung

Auffrischung für das alternde Immunsystem

Auch am Immunsystem nagt der Zahn der Zeit. Senioren sind deshalb anfälliger für Infektionen. Mediziner empfehlen, rechtzeitig mit Impfungen vorzusorgen.

Die Corona-Pandemie hat es auf besonders dramatische Weise bewusst gemacht: Infektionskrankheiten führen bei älteren Menschen häufig zu deutlich schwereren Verläufen als bei jungen. Der Grund: Wie der gesamte Organismus altert auch das Immunsystem und büßt einen Teil seiner Leistungsfähigkeit ein. „Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass sich das Immunsystem im Alter deutlich verändert“, bestätigt Birgit Weinberger, die am Institute for Biomedical Aging Research der Uni Innsbruck in den Bereichen Immunsystem im Alter und Impfungen forscht.

Die einzelnen Komponenten des komplexen Systems der Immunabwehr verändern sich unterschiedlich, erklärt die Wissenschaftlerin. Manche Abwehrzellen wie T- und B-Lymphozyten werden weniger oder fast gar nicht mehr gebildet, auch Antikörper-Antworten nehmen ab. Natürlich verlaufe der Prozess nicht bei jedem gleich, die persönliche Konstitution spiele wie bei anderen Alterungsprozessen ebenfalls eine Rolle. Ein guter Allgemeinzustand, viel Bewegung oder gesunde Ernährung seien auch für ein gutes Immunsystem hilfreich, „aber“, betont sie, „der Alterseffekt lässt sich dadurch nicht verhindern“.

Impfplan für Generation 60+. Um Senioren vor schweren und im schlimmsten Fall tödlich verlaufenden Erkrankungen zu schützen, empfiehlt die Medizin deshalb Impfungen – und das nicht nur gegen Covid-19, sondern gegen eine Reihe weiterer Infektionen, die im Alter schwerwiegende Folgen haben können. Der Österreichische Impfplan sieht für ältere Erwachsene ab 50 beziehungsweise 60 Jahren Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Polio, Hepatitis B, FSME, Influenza, Herpes Zoster, Pneumokokken und natürlich Covid-19 vor. Erstellt wurden diese Empfehlungen vom Nationalen Impfgremium, einer Gruppe unabhängiger Experten.
Bei den Empfehlungen spielen zwei Kriterien eine Rolle, erklärt Weinberger: „Tetanus, Diphtherie oder Pertussis sind Erkrankungen, gegen die man ohnehin sein ganzes Leben geschützt sein sollte, dementsprechend sollte man die erforderlichen Auffrischungsimpfungen vornehmen.“ Das zweite Thema sind Infektionen, die im Alter mit erhöhtem Risiko verbunden sind, wie Influenza, Pneumokokken oder Herpes Zoster. „Bei diesen Krankheiten gehen die Inzidenz und die Schwere des Verlaufs bei Menschen zwischen 50 und 65 Jahren steil nach oben, daher macht es Sinn, ab diesem Alter mit einem Impfschutz vorzusorgen“, rät Weinberger.

Hohe Influenza-Welle befürchtet. Aktuell am wichtigsten ist die Impfung gegen Influenza. Es ist derzeit zwar noch nicht vorhersehbar, wie die Grippewelle im kommenden Winter rollen wird. Am Beispiel Australien zeigte sich allerdings, dass die Abschaffung der pandemiebedingten Hygienemaßnahmen zu einer frühen und intensiven Influenzawelle führte. Für Senioren kann Grippe lebensbedrohend sein: Rund 80 Prozent der durch die Krankheit auftretenden Todesfälle betreffen Menschen über 60. Für diesen Personenkreis wurde deshalb auch ein eigener Grippe-Impfstoff entwickelt. Er enthält vier Mal mehr Antigen als der Standardimpfstoff und kann damit die schwächere Reaktion eines älteren Immunsystems besser ausgleichen.

Auch für andere Erkrankungen gibt es neue Impfstoffe, die bessere Wirksamkeit und Verträglichkeit bieten. Gegen Pneumokokken, die für viele bakterielle Lungenentzündungen verantwortlich sind, stehen heute zwei neue Vakzine zur Verfügung, die gegen eine wesentlich größere Zahl von Pneumokokken-Stämmen wirken als die bisherigen. Begonnen wird mit einem 15- oder 20-valenten Konjugat-Impfstoff, ein Jahr später wird ein 23-valenter Polysaccharid-Impfstoff verabreicht. Da Senioren an einer bakteriellen Lungenentzündung häufiger und schwerer erkranken, sollte mit der Impfung im Alter von 60 Jahren gestartet werden. „Bei Risikogruppen empfiehlt sich, diese doppelte Impfung aber schon ab 50“, ergänzt Rudolf Schmitzberger, Arzt und Leiter des Impfreferates der österreichischen Ärztekammer.

Rückkehr von Polio & Co. Dass im Impfplan hierzulande ausgerottete Krankheiten wie Diphtherie oder Polio für Senioren vorgeschlagen werden, hängt mit der epidemiologischen Entwicklung zusammen, erklärt Schmitzberger: „Vergessene Krankheiten kehren zurück.“ Solche Erkrankungen existieren noch in vielen Ländern, die nur wenige Flugstunden entfernt sind. Durch Reisetätigkeit kann es bei unzureichenden Durchimpfungsraten jederzeit auch in der westlichen Welt zu einem Aufflackern der Infektionen kommen. Bei Polio etwa gab es in jüngster Vergangenheit in London und New York Ausbrüche durch importierte Viren. Als nach dem Ende der Sowjetunion nicht mehr lückenlos gegen Diphtherie geimpft wurde, kam es in einigen Regionen zu einem großen Ausbruch mit 4000 Toten.

Besonders im Alter kann Diphtherie eine lebensbedrohliche Krankheit sein. Sie beginnt mit einer einfachen Angina, in der Folge bilden sich im Rachen Beläge, welche die Atmung erschweren und zum Erstickungstod führen können. Schwer verläuft bei Senioren in vielen Fällen auch Herpes Zoster, besser bekannt als Gürtelrose. „Das ist keine Krankheit, die man sich wünscht“, sagt Schmitzberger. Die Gürtelrose könne heftige Schmerzen zur Folge haben, die die Lebensqualität gewaltig einschränken. „Hautärzte und Neurologen berichten von Patienten, die am Oberkörper keine Kleidung tragen können.“

Rund 80 Prozent der durch Influenza auftretenden Todesfälle betreffen Menschen über 60. Für sie wurde daher ein eigener Impfstoff entwickelt.

Keine Lebenslange Immunität. Bei einigen im Impfplan für Senioren angeführten Krankheiten gibt es die irrige Meinung, dass frühere überstandene Erkrankungen Immunität bis ins Alter sichere. Das sei aber meist nicht der Fall, betonen die Experten. „Bei Keuchhusten beispielsweise reicht die Immunität maximal 15 bis 20 Jahre, aber definitiv nicht ein Leben lang“, weiß Weinberger. Wie lang der Schutz anhalte, sei unterschiedlich, aber nur bei ganz wenigen Erkrankungen gebe es eine lebenslange Immunität. Auch die meisten Impfungen in der Kindheit oder in der Jugend bieten keinen ausreichenden Schutz. Falsch sei auch der Glaube, dass jemand, der nur selten Infektionen habe, über ein perfektes Immunsystem verfüge und deshalb keine Impfung benötige: „Diesen Rückschluss kann man nicht ziehen“, bekräftigt Weinberger.

„Am besten ist es, über die notwendigen Impfungen mit dem Arzt seines Vertrauens zu sprechen“, rät Schmitzberger. Ganz besonders gelte das, wenn jemand seinen Impfpass verloren hat und sich nicht erinnern kann, ob er bestimmte Impfungen erhalten hat. Gut sei zu wissen, wann die Grundimmunisierung war. Wurde eine Auffrischungsimpfung vergessen, müsse nicht gleich mit einer neuerlichen Grundimmunisierung begonnen werden: „Bei FSME beispielsweise zählt jede Auffrischungsimpfung, außer wenn sie mehr als zehn Jahre zurückliegt, dann muss man wieder von vorn anfangen.“ Eine zu frühe Auffrischungsimpfung sei aber kein großes Problem: „Lediglich bei Tetanusimpfung kann es zu einer heftigeren lokalen Impfreaktion kommen, die aber auch nach ein paar Tagen wieder vorbei ist“, sagt Schmitzberger.

Titer Kaum Aussagekräftig. Eine Bestimmung des Titers (ein Maß für die Menge eines Antikörpers im Blut) halten Experten im Zusammenhang mit den für Senioren-Impfungen nicht für zielführend. „Für viele Erkrankungen gibt es keinen Zahlenwert, der sagt, ob ein ausreichender Schutz besteht und selbst wenn, müsste man meist wiederholt testen“, erläutert Weinberger. Sie betont, dass die Impfempfehlungen auf umfangreichem Datenmaterial basieren, möglichst viele Situationen gut abdecken und einfach umsetzbar seien. Auch ÖAK-Impfreferent Schmitzberger meint, dass Titer-Bestimmungen nicht unbedingt zielführend seien: „Im Zweifelsfall wird es meist sinnvoll sein, das Impfprogramm für Senioren mit einer Vierfachimpfung gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Polio zu beginnen und sich an die weiteren Empfehlung des Arztes zu halten“, sagt der Mediziner.

Die empfohlenen Impfungen reduzieren wesentlich das persönliche Risiko, sich eine dieser Erkrankungen „einzufangen“, und vor allem werden lebensbedrohliche Verläufe nahezu immer verhindert. Aber nicht nur sich selbst können Ältere dadurch schützen, auch die Gefahr, vulnerable Personen anzustecken, wird wesentlich kleiner. Das gilt nicht nur für Gleichaltrige, betont Schmitzberger: „Wenn Großvater beispielsweise gegen Keuchhusten geimpft ist, dann hilft der Impfschutz auch dem Enkelkind, bis dieses seine eigene Impfungen erhalten hat.“