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Schlaganfall

Jede Minute zählt

„Time is brain“ heißt es bei der Behandlung eines Schlaganfalls. Denn in jeder Minute, in der dieser unbehandelt bleibt, sterben rund 1,9 Millionen Gehirnzellen ab.

Treten von einer Sekunde auf die andere Defizite wie Sprachstörungen, halbseitige Lähmungen, ein schiefer Mundwinkel oder Sehstörungen auf, ist Eile geboten. Denn diese Symptome deuten typischerweise auf einen Schlaganfall hin. „Viele Angehörige oder auch Betroffene warten trotzdem noch zu oder rufen zuerst den Hausarzt“, weiß Stefan Kiechl, Leiter der Neurovaskulären Arbeitsgruppe der Universitätsklinik für Neurologie Innsbruck. Dabei sollte in diesen Fällen sofort die Rettung gerufen werden. Und zwar aus gutem Grund: „Time is brain“, bringt es Christian Lampl, Leiter der Abteilung für Neurologie am Konventhospital der Barmherzigen Brüder in Linz auf den Punkt. Schlaganfälle, die Kiechl zufolge in rund 90 Prozent der Fälle durch eine plötzliche Verstopfung oder einen Verschluss einer Hirnarterie (ischämischer Schlaganfall) und nur in etwa zehn Prozent der Fälle durch eine Blutung in einer der Hirnarterien (hämorrhagischer Schlaganfall) verursacht werden, führen zu Durchblutungsstörungen in den betroffenen Hirnarealen. Je länger jedoch der Blutfluss zum Gehirn eingeschränkt bleibt, desto mehr Gehirnzellen sterben unwiderruflich ab – in jeder Minute, in der ein Schlaganfall unbehandelt bleibt, sind es rund 1,9 Millionen. „Sie bilden sich danach nicht mehr neu. Bei leichten Schlaganfallen aber verschalten sich die überlebenden Neuronen neu und übernehmen die Funktionen der abgestorbenen“, sagt Kiechl. Bei schweren Schlaganfällen sei dies jedoch nicht mehr möglich, bleibende Schäden somit die Folge.

Rasches Handeln gefragt. Bei Auftreten der beschriebenen Symptome sollten Betroffene daher so rasch wie möglich in die nächstgelegene Schlaganfallspezialeinheit („stroke unit“) gebracht werden. In diesen interdisziplinären Einheiten, von denen es österreichweit 38 gibt, werden zuerst ein Risikoprofil sowie ein Risikoscore zur Abklärung erstellt. „Mittels klinischer Untersuchung und Bildgebung wird festgestellt, welches Areal betroffen ist und was die Ursache der Durchblutungsstörung ist, um eine entsprechende Akuttherapie durchführen zu können“, beschreibt Lampl. Wird eine Minderdurchblutung aufgrund eines verstopften Gefäßes in einem Zeitfenster von vier bis sechs Stunden abgeklärt, kann es in der Regel mittels Lysetherapie, bei der die Medikamente über eine Vene in den Körper geleitet werden, aufgelöst werden. Ist allerdings eine der großen Hirnarterien verschlossen – das trifft in zehn bis 15 Prozent der Fälle zu – gewinnt zunehmend die mechanische Entfernung der Thrombosen (Thrombektomie) an Bedeutung. Dabei wird von der Leiste aus ein Katheter mit einem Stent über das Arteriensystem bis an das Gerinnsel geschoben und dieses danach herausgezogen. „Zuerst konnten nur große Gefäße auf diese Weise behandelt werden, jetzt wegen des technischen Fortschritts auch schon kleinere“, sagt Kiechl. Verursacht hingegen eine Blutung, bei der sofort viele Nervenzellen zerstört werden, den Schlaganfall, geht es darum, diese zu stoppen. Dazu muss das Blut möglichst rasch zum Gerinnen gebracht werden, um so das Gefäß abzudichten. Gleichzeitig geht es darum, den Blutdruck zu senken, um das Risiko für weitere Risse in den Gefäßwänden und somit einer Nachblutung zu verhindern.

Suche nach Ursachen. Ist die Akutphase bewältigt, wird der Patient von der Stroke Unit oder Intensivstation auf eine Normalstation verlegt. Dort wird der Ursache für die Auslöser des Schlaganfalls auf den Grund gegangen. Dies können beispielsweise atherosklerotische Veränderungen der hirnversorgenden Venen oder der Halsschlagader sein. „Gibt es da hochgradige Stenosen, kommt die Gefäßchirurgie ins Spiel. Wobei nicht immer ein verstopftes Gefäß einen Schlaganfall auslöst, auch Vorhofflimmern oder arterielle Hypertonie können dazu führen. Bei Kindern und Jugendlichen zwischen dem zehnten und 20. Lebensjahr sind hingegen in der Regel Probleme im Hormonhaushalt oder ein Loch im Herzen dafür verantwortlich.“ Hier beginnt auch die Sekundärprävention, die Kiechl zufolge ebenfalls deutlich besser ist als noch vor zehn Jahren. So gäbe es bessere Medikamente zur Blutverdünnung, zur Senkung des Cholesterinspiegels oder zur Behandlung von Diabetes – alles wichtige Risikofaktoren für Atherosklerose.

Je rascher Betroffene adäquat versorgt werden können, desto besser sind ihre Chancen: Sechs von zehn Patienten in Österreich werden heute nach einem Schlaganfall wieder ganz gesund, weltweit sind es fünf von zehn. Dass dem so ist, sei den Stroke Units zu verdanken, die von 90 Prozent der Bevölkerung innerhalb von maximal 45 Minuten erreicht werden können. Und die Erfolgsquote soll weiter steigen. „Wir hoffen, dass wir ergänzend durch neue Therapien auf sieben von zehn kommen“, sagt Kiechl. Vision seien neuroprotektive Medikamente, die das Gehirn in der Akutphase schützen sollen. „Damit würde man weiter Zeit für die Therapie gewinnen“, so Kiechl. Geforscht wird aber auch an weiteren invasiven Methoden sowie der Weiterentwicklung der Lysetherapie, ergänzt Lampl. Denn diese sei zwar ein Meilenstein der letzten Jahrzehnte, habe aber gewisse Risiken. „In seltenen Fällen werden dadurch Enzyme aktiviert, die zu Gefäßblutungen führen“, so der Experte. Welche Mechanismen diesem Vorgang zugrunde liegen und was andere Gerinnungsfaktoren seien, ist aktuell Gegenstand von Forschungen. Lampl ist darüber hinaus überzeugt, dass die Schlaganfallversorgung weiter optimiert werden könnte. Eine Möglichkeit wäre ein „All-in-One-Shop“, eine mobile Schlaganfallversorgung. „In Deutschland gibt es mobile CT-Zentren“, weiß Lampl, der auch in der Nachsorge noch Luft nach oben sieht – und zwar nach der Reha und im Hinblick auf Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck und Ähnliches. Ein Schritt in diese Richtung ist bereits getan: „Seit heuer kommt jeder Schlaganfallpatient nach drei Monaten zu einer ambulanten Kontrolle ins Krankenhaus“, sagt Kiechl.

Risiko steigt ab 50. Rund 25.000 Menschen erleiden pro Jahr in Österreich einen Schlaganfall. Damit ist der Schlaganfall hierzulande nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache sowie die Hauptursache für bleibende Behinderungen. Bei Frauen gehen 1,9 Prozent der Todesfälle auf einen Schlaganfall zurück, bei Männern 1,4 Prozent. Das Schlaganfallrisiko steigt mit zunehmendem Alter: So erleiden zwei Prozent der Männer und ein Prozent der Frauen im Alter zwischen 45 und 54 Jahren einen Schlaganfall, in der Altersgruppe zwischen 65 und 74 Jahren sind es sechs Prozent und bei den über 75-Jährigen über zehn Prozent. „Ab dem 50. Lebensjahr verdoppelt sich das Risiko alle zehn Jahre“, sagt Lampl, der wie Kiechl davon ausgeht, dass durch die steigende Lebenserwartung die Häufigkeit von Schlaganfällen künftig zunehmen wird. Allerdings habe es jeder Einzelne in der Hand, sein Risiko durch eine Lebensstiländerung zu reduzieren. So sinkt durch regelmäßige Bewegung, Verzicht auf Nikotin, mäßigen Genuss von Alkohol, eine gesunde Ernährung und die Kontrolle des Blutdrucks das Schlaganfallrisiko um bis zu 80 Prozent. „Aber leider gibt es da noch viel Luft nach oben“, sagt Kiechl.