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Politik

Schadet zu viel Technik-Optimismus dem Klimaschutz?

Die erste kommerzielle Anlage, die der Luft CO2 entzieht, das dann in Basaltgestein gespeichert wird, gehört der Schweizer Firma Climeworks und befindet sich in Island. Eine zweite, größere ist im Entstehen (Abb.).
Die erste kommerzielle Anlage, die der Luft CO2 entzieht, das dann in Basaltgestein gespeichert wird, gehört der Schweizer Firma Climeworks und befindet sich in Island. Eine zweite, größere ist im Entstehen (Abb.).[ Climeworks]
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Technologische Lösungen sollen künftig einspringen und Emissionen aus der Atmosphäre holen, wenn das CO2-Budget überschritten wird. Die damit verbundenen Hoffnungen auf dem Weg zur Klimaneutralität sind groß, politische Konflikte allerdings vorprogrammiert.

Weit klafft die Kluft zwischen den Versprechen der Staaten in Sachen Klimaneutralität und den gesetzten Maßnahmen. Das kritisierten Forscherinnen und Forscher verstärkt angesichts der zähen Verhandlungen auf der am Wochenende zu Ende gehenden UN-Klimakonferenz COP27. „Solche internationalen Veranstaltungen sind wichtig, auch wenn die Erwartungen, was dabei herauskommt, nicht so hoch sein dürfen“, betont die Politologin Alina Brad. So sei die Konferenz im ägyptischen Sharm el-Sheikh ein Fenster gewesen, in dem das Thema in der Öffentlichkeit vermehrt wahrgenommen wird. „Davon ausgehend kann auf politische Entscheidungsträgerinnen und -träger Druck ausgeübt werden, indem man aufzeigt, wie unzureichend die gesetzlichen Maßnahmen noch sind.“

Brad forscht am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien und ist koordinierende Leitautorin des zweiten Österreichischen Sachstandsberichts Klimawandel. Sie beschäftigt sich mit gesetzlichen Maßnahmen rund um Negativemissionstechnologien (NETs), auch Carbon-Dioxide-Removal (CDR)-Technologien genannt. Diese werden im Kontext von Netto-Null-Zielen im Sachstandsbericht des Weltklimarates diskutiert – und kamen auch auf der COP27 zur Sprache. Denn mittlerweile ist in den meisten Szenarien zur Einhaltung des 1,5-Grad- ebenso wie des Zwei-Grad-Zieles der Einsatz von NETs erforderlich, um unvermeidbare Restemissionen etwa aus Landwirtschaft, Industrie und Luftverkehr auszugleichen. Dekarbonisierung und Energieeinsparungen allein sind zu wenig, so der Tenor. Was Brad jedoch vermisst, sind Debatten darüber, wie die Entnahme von Treibhausgasen aus der Atmosphäre auf EU-Ebene gestaltet werden soll, um die Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen und eine Verschleppung konventioneller Maßnahmen zu verhindern.

EU-Kommission setzt auf NETs

Auch die Aufforstung von Wäldern und die Renaturierung von Mooren entzieht der Atmosphäre CO2 – allerdings nur in begrenztem Ausmaß. Technische Möglichkeiten zielen etwa darauf ab, Biomasse für die Energieerzeugung zu verbrennen und das dabei entstehende Kohlenstoffdioxid einzufangen und unterirdisch zu speichern. Die EU-Kommission hat derlei Methoden mittlerweile in ihre langfristige Klimastrategie aufgenommen. Über das Ausmaß ist man noch uneins. „Besonders positiv gegenüber NETs ist man in Ländern wie Großbritannien, Schweden, Australien und den USA gestimmt“, sagt Brad. In den USA werde zudem Solar Radiation Management (SRM) als weitere Möglichkeit des Geoengineering – damit sind technische Eingriffe in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe der Erde gemeint – diskutiert und erforscht. Während es bei CDR also darum geht, Treibhausgase aus der Atmosphäre zu entfernen und möglichst dauerhaft zu speichern, wollen SRM-Projekte die einfallende Sonnenstrahlung reduzieren.

Brad erwartet für die kommenden Jahre Konflikte entlang von Sektoren und Nationalstaaten: „Diese werden sich darum drehen, welcher Sektor und welches Land wie viele Emissionen ausstoßen darf oder wie viele negative Emissionen erzeugen muss.“ Aktuell läuft in der EU die Entwicklung eines CDR-Zertifizierungssystems. Gefördert vom Wissenschaftsfonds FWF wird Brad die Prozesse rund um EU-Politiken zu NETs in den nächsten Jahren begleiten. Sie interessiert sich dabei auch dafür, ob die Erwartungen an die Technik aktuelle Klimaschutzanstrengungen abschwächen oder verzögern.