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Glaubensfrage

Zwischen Totjammern und Gesundbeten: Sag mir, wo die Jungen sind?

Noch eine Woche, dann brennt die erste Adventkerze. Der heutige Tag ist traditionell der Jugendsonntag. Nein, er wäre es. Hat eine Kirche, die die Jugend verloren hat, Zukunft?

„Der Hut brennt“ (und noch nicht die erste Kerze des Adventkranzes), sagt die Theologin Regina Polak von der Universität Wien. Was sie meint: Die Distanz zwischen katholischer Kirche und Jugendlichen wird größer, sehr zurückhaltend gesagt.

Heute, am letzten Sonntag des kirchlichen Jahreskreises, dem Christkönigssonntag, wäre traditionell in Österreich die Jugend gefragt. Wobei das mit dem traditionell relativ ist. Erst in der NS-Diktatur wurde dieser Tag von der katholischen Jugend markiert, als Zeichen des Widerstands (Christus ist der König, weltlicher „Führer“ hin oder her). Heute ist die junge Tradition des Jugend-Sonntags vor Beginn der Adventzeit weitgehend vergessen.

Ein Traditionsbruch drohe insgesamt, dem sich die katholische Kirche stellen müsse, meint Regina Polak weiter. Müsste sie tatsächlich. Nur wie? Zwischen Jammern und Gesundbeten wäre ein weites Feld, das brachliegt. Zum Thema gesundbeten: Da hat kürzlich der Chef des Wiener Pastoralamts Markus Beranek gemeint, der Rückgang der Zahl der Kirchenmitglieder solle nicht als Ausdruck eines Niedergangs verstanden werden – sondern als „Chance der Abkehr von einem alten kirchlichen Feudaldenken“. Wie denn? Nun gut, der Mann muss es wissen. Dann bitte in Wien am besten mit der Abkehr von Feudaldenken beginnen!

Eine kleine Zukunftschance besteht in einer von Theologen und Soziologinnen konstatierten Respiritualisierung Jugendlicher. Aber Achtung! Die wird oft weit abseits der katholischen Kirche geübt. Antike Götter werden da über TikTok gehippt. Selbst unter katholisch aktiven Jugendlichen verschwimmen Konfessionsgrenzen komplett, wie die in Wien lehrende Theologin Astrid Mattes in einer qualitativen Studie festgestellt hat. Das drückt sich online im Anklicken von Accounts aus dem evangelikalen Bereich und im Hören von Worship Music (Lobpreisungen) aus. Da kann die verkopfte römische Liturgie mit ihrer antiquierten Sprache wirklich nicht mit.

Die gute Nachricht zum Sonntag: Beim „Red Wednesday“, wie er zuletzt stattgefunden hat, beteiligen sich mehr und mehr Institutionen, die ihre Häuser im Gedenken an verfolgte Christen rot anstrahlen. (Als Kirchen-Latein gebräuchlicher war, hätte er wahrscheinlich dies Mercurii ruber geheißen.) Die wirklich gute Nachricht bei diesem betrüblichen Thema ist, dass Ägypten, ein Land, dem Verstöße gegen Menschenrechte vorgeworfen werden, soeben 125 illegal errichteten Kirchen den staatlichen Sanktus gegeben hat. In einem islamischen Land, in dem mehr Christen als in Österreich leben, ist das ist ein beachtenswerter Schritt. Auch wenn die freie Religionsausübung noch immer nicht überall garantiert ist. Blauäugigkeit ist weder eine theologische noch eine politische Kategorie.

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2022)