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Die Ich-Pleite

Schlechte Zeiten für Körperperfektionistinnen

Carolina Frank
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Es gibt kein falsches Gewicht, es gibt nur den falschen Look. Die besten Trends für die Weihnachtszeit.

An der Frage, ob das Glas halb voll ist oder halb leer, scheiden sich vermutlich schon die Geister, seit es Gläser gibt. Nehmen wir nur die ­Einschätzung des eigenen Körper­gewichts. Während die Glas-halb-leer-Menschen sagen: Vor drei Jahren haben ich noch um drei Kilo weniger gewogen, und wenn ich in diesem Tempo weiter zunehme, muss ich bald in Spezialgeschäften einkaufen, suchen die Glas-halb-voll-Menschen einfach im Internet nach Lösungen. Ein Glas-halb-leer-Mensch findet dann Diäten, ein Glas-Halb-voll-Mensch ­findet, dass man vieles kompensieren kann.

Es gibt kein falsches Gewicht, es gibt nur den falschen Look. Da kommt der neue Trend mit den offenen Hosenknöpfen gerade recht. Jacquemus hat es vorgemacht. Und jetzt scheint es sich zu einem Trend auszuwachsen. Als Glas-halb-voll-Mensch freut einen das. Denn jetzt muss man sich nicht mehr genieren, wenn einem die Hose zu eng wird. Noch bequemer wird’s, wenn man diesen Trend mit der letzten Neuauflage des Grunge-Looks kombiniert. Da kann ich noch locker die in Fettzellen umgewandelte Weihnachtsbäcker- und Punschtrinkzeit in meiner Loose-Fit oder Boy-Friend-Jeans versenken, bevor ich auf die Mums-Version wechseln muss. ­


So etwas wirkt sich natürlich nicht ­motivierend auf den Kauf oder gar den Gebrauch der Fitnessstudio-Jahreskarte aus. Sicher, bei manch einer von uns kommt dann der zwischenmenschliche Moment, wo einem auch die noch so lässig geschnittenen Klamotten im Weg sind, aber wer würde einem dann ein paar Hüftumfang­zentimeter vorhalten? Eben. Eigentlich schlechte Zeiten für Glas-halb-leer-Körper­perfektionistinnen. Wenn nur die ­Bäuche, die aus den oben offenen Modelhosen herausquellen, keine Waschbrettbäuche wären. 

("Die Presse Schaufenster" vom 18.11.2022)