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Interview

"Weichen stellen für das ganze spätere Leben"

(c) Michael Kristen (kristen-images.com / Michael Kri)
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Ernährungsverhalten, aber auch die Entdeckung seltener und chronischer Krankheiten haben die Pädiatrie maßgeblich verändert. Und der Umgang mit der Elterngeneration Y erfordert ein Umdenken in der Ärzteschaft, sagt Daniela Karall, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde.

Inwieweit hat sich Ihrer Beobachtung nach die Kinderheilkunde in den letzten zehn Jahren verändert?

Daniela Karall: Was mich sehr beeindruckt, ist, dass viele Entwicklungen auf dem Sektor der Medizin allgemein und in der Kinderheilkunde speziell niederschlagen, ganz besonders der Sektor "seltene" oder "chronische" Erkrankungen. Von den seltenen Krankheiten treten mindestens die Hälfte bereits im Kindesalter auf, rund 80 Prozent sind genetisch. Viele von ihnen sind in den vergangenen Jahren entdeckt worden und damit auch Möglichkeiten, sie zu therapieren. Wir haben Medikamente zur Verfügung, die wir früher nicht hatten. Und die Möglichkeiten, die wir beim Neugeborenen-Screening haben die Kinder können sich jetzt gut entwickeln, haben eine normale Lebenserwartung, Intelligenz und Fertilität, können also mit geeigneten Therapien ein ganz normales Leben führen.

 

Gibt es Erkenntnisse darüber, warum gerade diese Krankheiten zugenommen haben?

Ich denke nicht, dass sie zugenommen haben, sondern dass man sie jetzt besser findet. Ein Beispiel: Vor 30 Jahren ist ein Neugeborenes aufgenommen worden, das akut verfallen und verstorben ist. Da ist man dann davon ausgegangen, dass es etwa eine Neugeborenen-Infektion hatte. Als dann später ein zweites Kind der Familie den gleichen Krankheitsverlauf aufwies, konnte, weil da die Krankheit bereits entdeckt war, aufgrund genetischer Untersuchungen eine angeborene Stoffwechselstörung diagnostiziert worden. Und anhand dessen wurde eine Therapie eingeleitet, die ein gutes Leben ermöglicht. Deshalb sind einige dieser Krankheiten auch ins Neugeborenen-Screening aufgenommen worden. Das war 2002. Wenn man gezielt sucht, findet man natürlich auch mehr.

Man könnte ja davon ausgehen, dass eher Ernährung oder psychische Krankheiten in den Vordergrund gerückt sind. Sind das trotzdem Themen?

Natürlich sehen wir in der Kinder- und Jugendheilkunde auch Probleme, die die Gesellschaft allgemein betreffen. Übergewicht, psychiatrische und psychosomatische Erkrankungen wie Magersucht, Depressionen und Sucht beobachten wir verstärkt. Vor zehn Jahren hatten wir etwas mehr Probleme mit Alkohol, jetzt eher mit Substanzabusus. Meiner Ansicht nach liegt der Grund darin, dass unsere Kinder und Jugendlichen sehr vielen Eindrücken aus der Umwelt ausgesetzt sind. Ich denke, vor 50 Jahren war das Kinder- und Jugendalter mehr gebahnt, fand mehr in fixen Strukturen statt. Jetzt haben wir die Globalisierung, Zugänglichkeit zu Medien immer und überall, und das in deutlich jüngerem Alter. Das wirkt sich schon auf die körperliche und psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen aus.

Was finden Sie persönlich so spannend an der Kinderheilkunde?

Was mich immer schon fasziniert hat, war, dass man ein Kind und die Familie über längere Zeit begleiten kann. Ich denke, dass man im Kindes- und Jugendalter einfach noch wirklich die Möglichkeit hat, Weichen zu stellen für Dinge, die das ganze spätere Leben halten. Natürlich kann man auch später noch Lifestyle-Veränderungen anstoßen, aber wenn das Kind ein gutes Ernährungsverhalten und Freude an Bewegung von Anfang an mitbekommen hat, etwas weiß über die Prävention von Unfällen oder den Umgang mit Medien, kann man ganz vielen Dingen vorbeugen. Ich schätze an Kindern und Jugendlichen, dass sie sehr ehrlich und direkt sind, auch ein gutes Gegenüber. Und deshalb lohnt es sich als Einzelperson, aber auch als Gesellschaft, dass wir uns um sie kümmern. Diese Altersgruppe wird sich einmal um uns Ältere kümmern. Sie sind unsere Zukunft.

Sie haben die Familie angesprochen. Kommunizieren Eltern heute anders oder begleiten sie ihre Kinder anders?

Das hat zwei Aspekte. Auf der einen Seite sind Menschen dem medizinischen System gegenüber geschulter beziehungsweise ist die Behandlung keine mehr vom Arzt zum Patienten, sondern eher eine partnerschaftliche Angelegenheit. Der Patient will mehr mitreden, und eigentlich ist das ja auch unser Ziel als Ärzteschaft. Wir wollen die Patienten informieren über das, was vorliegt, und das so gut tun, dass sie selbst eine Entscheidung treffen können. Wenn der Patient ein Kind ist, sind die Eltern sozusagen die Vertreter dieses Kindes, und das haben wir schon immer erlebt, dass wir in der Behandlung von Kindern, besonders wenn es um längerfristige Angelegenheiten wie Ernährung geht, sehr klar kommunizieren müssen, worum es geht. Wir möchten ja erreichen, dass im Sinne des Kindeswohls die bestmögliche Behandlung stattfinden kann. Und das geht nur, wenn die Eltern das verstanden haben und die Überzeugung mittragen. Das zweite, was ebenfalls ein Thema ist: Die Eltern, die der Generation Y angehören, sind im Umgang mit Medien, auch mit der Geschwindigkeit, in der sie Dinge erwarten, anders. Das ist eine andere Herangehensweise an die Umwelt, und diese Gruppe von Eltern möchte gern gute, schnelle, effektive Lösungen. Und sind oft nicht so geduldig, um Entwicklungen abzuwarten. Das hat sicher auch damit zu tun, dass vielleicht beide Elternteile berufstätig sind und ein krankes Kind organisatorisch eine größere Herausforderung ist.

"Kinder und Jugendliche sind sehr ehrlich und direkt, auch ein gutes Gegenüber."

Daniela Karall

Erleben Sie auch Kinder, die mündiger sind?

Nicht ganz so sehr, eher bei den Jugendlichen. Zum Arzt zu gehen, ist nach wie vor keine alltägliche Situation für sie. Doch wir bemühen uns als Kinderärzte natürlich schon, auf dem Niveau des Kindes zu kommunizieren. Und es zu fragen, ob es verstanden hat, worum es geht. Wenn es beispielsweise um die Behandlung von Übergewicht geht, geht das bis zum zwölften Lebensjahr nur, wenn die Familie mitmacht. Danach ist es bei guter Motivation auch möglich, dass das Kind selbst seine Gesundheit in die Hand nimmt. Und dann ist es schon günstig, wenn man den Jugendlichen direkt in die Pflicht nimmt und als Gegenüber anspricht.

Wie allgemein, beziehungsweise wie speziell ist die Pädiatrie? Es gibt ja verschiedene Schwerpunkte, auf die man sich in der Kinderheilkunde spezialisieren kann.

Eigentlich ist die Pädiatrie das letzte Fach, das wirklich breit geblieben ist und alle Disziplinen vereint und abdeckt. Und das ist auch gut so. Aber es macht das Spektrum natürlich immer breiter. Ich würde nicht sagen, dass es einen Run auf eine bestimmte Spezialisierung gibt. Doch es gehen immer mehr in die Facharztausbildung. Auf der einen Seite ist die Pädiatrie die hausärztliche Betreuung der 0- bis 18-Jährigen in der Niederlassung. Die Spezialisten sind eher an den Kliniken zu finden. Abteilungen für Kinderkardiologie sind meist an Universitätskliniken angesiedelt, wo dann auch Interventionen möglich sind. Aktuell haben wir neun Spezialisierungen in der Pädiatrie, dann gibt es noch Randgebiete wie die angeborenen Stoffwechselstörungen oder die Allergologie.

Immer wieder liest man, dass ausgeschriebene Kinderarztstellen nicht vergeben werden können. Woran liegt das?

Ich denke, das Hauptargument ist in diesem Punkt nicht, dass niemand mehr Kinderarzt werden möchte. Sondern dass man nicht mehr allein arbeiten will. Das Unternehmertum als Einzelkämpfer ist nicht gewünscht, sondern das Arbeiten im Team und eine engere Anbindung an den stationären Bereich. Daran scheitern meiner Meinung nach manche Kassenverträge. Da hat sich die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde gemeinsam mit der Gesundheitskasse Gedanken gemacht, wie man andere Zusammenarbeitsmodelle entwickeln kann, die dies abdecken.

Wie kann das aussehen?

Dass man beispielsweise bei den niedergelassenen Kinderärzten ausreichend Öffnungszeiten hat, sie sich aber nicht um Organisatorisches kümmern müssen. Oder es eine Vertretung gibt, wenn sie krank sind. Das geht teilweise in Praxisgemeinschaften oder Gemeinschaftspraxen, das ist strukturell etwas anderes. Oder was jetzt kommen soll: Primäre Versorgungseinheiten wie "primary health centers", bei denen wir aber bisher das Problem haben, dass der Betreiber ein Allgemeinmediziner sein muss. Wir wünschen uns, dass dies auch ein Kinderarzt sein kann, weil es ja ein pädiatrisches Zentrum sein sollte. Und dann wäre wünschenswert, dass es etwa in Ballungszentren nicht nur ein Haus ist, in dem die Kinderärzte zusammenarbeiten, sondern, dass auch ein virtuelles Netz besteht. Beispiel: Vorarlberg, wo die Kinderärzte 30 Kilometer voneinander entfernt praktizieren. Da könnte eine Vernetzung dazu führen, den Patienten bessere Öffnungszeiten anzubieten. Aktuell sind im Bundesdurchschnitt 15Prozent aller kassenärztlichen Kinderarztstellen unbesetzt. Und ein Drittel der Kollegen ist 55 Jahre und älter. Die Situation wird nicht besser.

Droht dann eine Unterversorgung in Österreich?

Ich denke, dass man für akute Dinge immer eine Lösung finden wird. Aber ich denke auch, dass es schon jetzt so ist, dass Eltern mit ihrem Neugeborenen einfach keinen Kinderarzt finden. Und diese Zeit des Mutter-Kind-Passes ist ganz wichtig. Und wenn es sich so entwickelt, dass man darauf angewiesen ist, einen Kinder-Wahlarzt zu finden, wird das sicher bedeuten, dass sich das nicht alle leisten können. Oder wollen.

Zur Person

Daniela Karall wurde 2018 als erste Frau in der 55-jährigen Geschichte der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde in das Amt der Präsidentin der ÖGKJ berufen. Ihr Hauptaugenmerk liegt innerhalb der Gesellschaft auf Vernetzung, Nachwuchsförderung und Öffentlichkeitsarbeit. Ihre medizinischen Schwerpunkte sind angeborene Stoffwechselstörungen und Ernährungstherapien. Karall ist am Department für Kinder- und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität Innsbruck als stellvertretende Direktorin tätig.