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Willkürliche Festsetzungen – oder: Warum das Jahr im Jänner beginnt

Nichts in der Natur veranlasst, die Mitternacht des Silvesters als Termin zu definieren, an dem eine Periode die nächste ablöst. Es ist pure Willkür, entsprungen dem Verlangen nach zeitlichen Fixpunkten.

Quergeschrieben

Am 1. Jänner 2011 beginnt nicht bloß ein neues Jahr, ein neues Jahrzehnt hebt an. Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende beginnen immer mit einem Jahr, das 1 als Einerziffer besitzt. Denn es hat kein Jahr null gegeben: Auf das Jahr 1v.Chr. folgte das Jahr 1n.Chr. Neujahr2011 – ein scheinbar denkwürdiges Datum.

Aber warum beginnt das Jahr just im Jänner? In den archaischen Kulturen setzte man den Jahresbeginn mit dem Frühlingsbeginn an, wenn die Natur wieder erwacht. So taten es die Römer bis 153v.Chr.: Sie ließen das Jahr mit dem März beginnen. September, vom lateinischen septem für sieben, war daher der siebente Monat, und Oktober, November, Dezember weisen genauso auf die alten Monatsnummern acht, neun, zehn hin. Und darum ist der Februar als ursprünglicher letzter Monat kürzer als die anderen.

Oder man setzte den Jahresbeginn nach der Ernte im Herbst an, wie es noch heute beim jüdischen Rosch ha-Schana (wörtlich übersetzt: der Kopf des Jahres) der Fall ist.

Es war ein reiner Willkürakt der römischen Verwaltung des Jahres 153v.Chr., dass man am Anfang des Monats der Wahl jener Konsuln, die an den Iden des März ihr Amt antraten – und diese Wahl fand zwei Monate vorher, eben im Jänner, statt – auch das Jahr beginnen ließ. So gesehen, ist der Jahresbeginn kein Ereignis, das von der Natur bestimmt wird, sondern er entspringt bürokratischer Laune.

Genau genommen beginnt 2011 am 1.Jänner um nullUhr. Warum gerade zu Mitternacht? In alten Zeiten unterschied man noch Tage von Nächten und teilte diese jeweils in zwölf Stunden ein, wobei wir aus der Bibel wissen, dass der Tag mit Sonnenuntergang endete. Ab diesem Zeitpunkt zählte die darauf folgende Nacht schon als die des nächsten Tages.

Erst im Zuge der Industrialisierung, vor allem beim Entwerfen der Fahrpläne von Zügen, erwies es sich als notwendig, den Tagesbeginn amtlich anders zu regeln. Die sich dafür zuständig fühlenden Astronomen wollten 1883 den Tag immer zu Mittag beginnen lassen, aber das hat sich – wie so manche europäische Verordnung – nicht durchgesetzt: Ein Jahr später wurde in Washington die Mitternacht als Tagesbeginn beschlossen.

Die Jahreszahl 2011 ist Primzahl. Ist nicht das wenigstens etwas Besonderes? Eigentlich nicht, denn Primzahlen kommen recht häufig vor. Zwar sind sie mit wachsenden Zahlen immer dünner gesät, aber dennoch bemerkenswert häufig.

Bis 10.000 gibt es 1229Primzahlen. Quadratzahlen sind zum Beispiel weitaus seltener als Primzahlen. Nur 100Zahlen sind bis 10.000 Quadratzahlen. Dass also 2011 eine Primzahl darstellt, ist kein besonderer Grund, den Beginn von 2011 besonders zu feiern.

Trotzdem verlangen wir nach Fixpunkten in der Zeit. Denn wir empfinden die Enden und Anfänge von Perioden als Ankerpunkte des Daseins. Sie geben die Gelegenheit, innezuhalten. Das Geschehene in die Scheunen der Erinnerung zu verstauen. Vorsätze zu schmieden und die Zukunft zu erwarten. Im Grunde etwas Ernstes.

Doch nichts in der Natur veranlasst, die Mitternacht des Silvesters als Termin zu definieren, an dem eine Periode der Zeit die nächste ablöst. Es ist pure Willkür. Vielleicht bewirkt gerade sie, dass man dieses Datum mit vergnügter Unbesorgtheit auf sich zukommen lässt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2010)