Was kommt raus, wenn der Botschafter der Türkei in Wien sagt, was er denkt? Ein Eklat.
Wien. Wollen Sie, dass ich als Diplomat antworte?“, fragte der türkische Botschafter Kadri Ecvet Tezcan zu Beginn seines Interviews mit der „Presse“, als ob ihm sein Beruf da irgendeinen Spielraum ließe. Er entschied sich für das offene Wort und zerpflückte Österreichs Integrationspolitik. Dabei schonte er weder Minister und Parteien noch die österreichische Bevölkerung. VP-Innenministerin Maria Fekter bescheinigte der Botschafter, in der falschen Partei zu sein, den Sozialdemokraten, vor der FPÖ in die Knie zu gehen. Und den Österreichern warf er vor, sich nur im Urlaub für fremde Kulturen zu interessieren. „Wenn ihr keine Ausländer hier wollt, dann jagt sie doch fort“, sagte Tezcan und empfahl UNO, Opec und OSZE angesichts der Wahlerfolge einer „rechtsextremen Partei“ aus Wien abzuziehen.
Der Skandal war perfekt und die Empörung mit Ausnahme der Grünen fast einhellig. Kein einziger Regierungspolitiker setzte sich mit den Argumenten Tezcans auseinander. Dessen Appell an die türkische Gemeinde, sich an die Regeln in Österreich zu halten und besser Deutsch zu lernen, ging zunächst ebenso unter wie sein Vorschlag, Türkisch als Maturasprache zu akzeptieren. Und dann kam doch eine Debatte in Gang. Nach Jahren unter Rechtfertigungsdruck hatten Türken in Österreich ein Ventil gefunden, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen. Nicht wenige fragten sich jedoch, warum sie dafür den türkischen Botschafter brauchten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2010)