Klassiker-Remakes, aber auch subtile Neuinszenierungen und die exzellente Arbeit von Jordan, dessen Talent schon in seiner Zeit als Grazer GMD gewürdigt wurde, führen Frankreich zurück zur Musiktheatervernunft.
Beginn einer „Normalisierung“? Geleitet von Chefdirigent Philippe Jordan erlebten die französischen Opernfreunde jüngst die Wiederaufnahme von Laurent Pellys Inszenierung der „Ariadne auf Naxos“. Pelly, hierzulande dank Produktionen wie „Pelléas und Mélisande“ und „Regimentstochter“ bekannt, steht für eine neue Ästhetik jenseits der Umtriebe der notorischen Regietheater-Clique. Nun hat Pelly die Strauss-Oper in Dekors von Chantal Thomas inszeniert, die keineswegs historisierend anmuten. Im Gegenteil: Das „Vorspiel“ ereignet sich in einem modernen Alpen-Chalet, die „Oper“ – sozusagen regredierend – in der Baustelle desselben.
Das sieht, zugegeben, keineswegs anheimelnd aus. Doch wie Pelly in diesem Ambiente Regie führt, das ist meisterlich, denn es sind die Bewegungen der Komödiantentruppe um Harlekin und Zerbinetta so fein gedrechselt wie die Aktionen der Theaterleute im Vorspiel natürlich und minuziös aufeinander abgestimmt.
Vor allem aber lebt die Produktion dank Jordans subtiler musikalischer Gestaltung, die das Kammerorchester – man spielt im großen Haus an der Bastille – symphonisch aufrauschen lässt, vor allem aber alle Details der Partitur in kleinteiliger Charakterisierungskunst Gestalt annehmen lässt. Man hat Jordans Talent schon in seiner Zeit als Grazer GMD gewürdigt. Seine „Ariadne“-Interpretation ist seither gewachsen, findet dank der Grandezza, mit der der Dirigent Ruhepunkte auskostet, zu traumhaft schönen Momenten stillstehender Zeit: Wenn Zerbinetta und der Komponist – fabelhaft: Jane Archibald und Sophie Koch – einander in die Augen schauen, wenn Ariadne (die makellos schön singende Ricarda Merbeth) auf die Verwandlung durch ihren Befreier (Stefan Vinke gibt solid den Bacchus) wartet.
Erinnerungen an Rolf Liebermann
Intendant Nicolas Joel knüpft zarte Bande durch die Spielzeiten. So freut sich Paris nicht nur auf die Fortsetzung der Arbeit Philippe Jordans, der in den kommenden Monaten in Paris seine Neueinstudierung von Wagners „Ring“ mit „Siegfried“ (1.März) und „Götterdämmerung“ (3.Juni) zu Ende bringt, sondern ab 11.Juni außerdem Mozarts „Così fan tutte“ dirigiert, der sich noch Reprisen von „Figaros Hochzeit“ hinzugesellen. „Così fan tutte“ zeigt man in einer Inszenierung von Ezio Toffolutti, den „Figaro“ gestaltete man im Herbst als Wiederaufnahme der legendären Produktion Giorgio Strehlers aus der Ära von Rolf Liebermann. Der deutsche Komponist und Intendant galt ja in den Siebzigerjahren als Retter der Pariser Opernwelt. Nach Jahren des Improvisierens gab er dem Repertoire im Palais Garnier Halt und band erstklassige Dirigenten und Solisten an das Haus.
Dass die neue Direktion an solche Zeiten anzuknüpfen versucht, wurde vom Publikum aber mit viel Zuspruch belohnt. Die Kritik bezeichnete die Strehler-Produktion zwar als Museumsstück, doch sind die Pariser Musikfreunde der Experimente spürbar überdrüssig, die Gerard Mortier zuletzt anstellte – Mozarts Daponte-Opern zeigte er in Produktionen von Christoph Marthaler, dirigiert von Sylvain Cambreling...
Regisseur Laurent Pelly bleibt Paris erhalten. Er inszeniert gerade Händels „Julius Caesar“ (17.Jänner), den Emanuelle Haïm musikalisch betreut. Mit der Dirigentin kam es im Vorjahr („Die Presse“ berichtete) bei der Einstudierung von Mozarts „Idomeneo“ zum Krach. Bei Händel wird das Pariser Orchester die Autorität der Originalklangspezialistin wohl ohne Probleme anerkennen. Lawrence Zazzo gibt den Caesar. René Jacobs bezeichnete den Amerikaner jüngst als „möglicherweise besten Countertenor, der derzeit auf unseren Bühnen zu finden ist“. Natalie Dessay ist die Cleopatra in den ersten Vorstellungen, ab 10.Februar wird sie von „Zerbinetta“ Jane Archibald abgelöst.
Am 31.Jänner folgt als Rarität Zandonais „Francesca da Rimini“, inszeniert von Giancarlo del Monaco unter Daniel Oren. Roberto Alagna und Svetla Vassilieva sind das verzweifelte Liebespaar.
Wien erlebt Philippe Jordan am 8. und 9.Jänner als Dirigent der Wiener Symphoniker im Musikverein – und Sophie Koch an der Seite von Jonas Kaufmann in Massenets „Werther“ an der Staatsoper (ab 17.Jänner).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2010)