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Jyllands-Posten: Das Hassobjekt der Islamisten

Hassobjekt Islamisten
(c) AP (Niels Hougaard)
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Auch fünf Jahre nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen ist die Zeitung ein Anschlagsziel. Terroristen wollten nun offenbar im Redaktionshaus nach dem Muster der Bombay-Angriffe ein Blutbad anrichten.

Kopenhagen. Die Wandelhalle in „Politikens Hus“ war früher ein beliebter Treffpunkt auf dem Kopenhagener Rathausplatz. Passanten konnten dort in Zeitungen schmökern, Ausstellungen ansehen oder verbilligte Bücher und CDs kaufen. Das hat sich geändert, seit vor zwei Jahren die Kopenhagener Redaktion von „Jyllands-Posten“ bei den Kollegen von „Politiken“ einzog.

Seither verhindern Wächter, Sicherheitsschleusen und Metalldetektoren den freien Zugang: „Früher war Wirtshausstimmung, jetzt gleicht es Fort Knox“, klagt eine Angestellte, die seit Jahrzehnten hier arbeitet. Auch in Jyllands-Postens Hauptquartier in Aarhus sind Redaktion und Druckerei hinter Betonmauern und Stacheldrahtverhau verschanzt.

Dass dies keine überflüssigen Vorsichtsmaßnahmen sind, wurde den Dänen zu Jahresende erneut vor Augen geführt: Die Verhaftung von fünf Männern, die einen Terroranschlag auf die Zeitung geplant haben sollen, hat nicht zum ersten Mal die Funktion der Zeitung als Hassikone militanter Islamisten entlarvt: „Das hört nie mehr auf“, seufzt Kurt Westergaard. Er war es, der vor mehr als fünf Jahren auf der berühmt-berüchtigten Zeitungsseite mit elf Mohammed-Karikaturen die umstrittenste von diesen zeichnete: die mit der Bombe im Turban des Propheten.

Das hat damals zu gewaltsamen Protesten in der islamischen Welt geführt, mit mehr als 150 Toten. Angestachelt wurden sie von Regierungen, die die Wut der Menschen vom eigenen Versagen ablenken wollten. Dänische Botschaften gingen in Flammen auf, dänische Waren wurden boykottiert. Und auch fünf Jahre später haben die Karikaturen eine Symbolkraft, die Fanatiker zum Sterben und zum Töten verlocken kann.

 

Auf der Todesliste

Al-Qaida-Chef Osama bin Laden hat in einer Videobotschaft einmal gesagt, dass gegen die „blasphemischen Zeichnungen“ selbst die Ermordung von Frauen und Kindern durch US-Soldaten verblasse. Und unter den neun Personen auf der Todesliste des von al-Qaida inspirierten Magazins „Inspire“ stehen gleich drei Dänen: Westergaard, Flemming Rose, der als Kulturredakteur die Karikaturen bestellte, sowie Carsten Juste, der damalige Chefredakteur.

Die Geheimdienste haben in den vergangenen zwei Jahren sieben Anschläge verhindert, die mit mehr oder weniger Professionalität gegen Westergaard und die Zeitung gerichtet waren. So auch, als sich am Dienstag drei in Schweden ansässige Männer mit libanesischen und tunesischen Wurzeln in einen gemieteten Toyota setzten und mit einer Maschinenpistole und reichlich Munition Richtung Kopenhagen fuhren. Dort war eine Wohnung für sie bereitgestellt.

Was sie nicht wussten, war, dass in dem Wagen ein Sender angebracht war, der der schwedischen Sicherheitspolizei Säpo die Route anzeigte. Als die Männer die Öresundbrücke passierten, übernahm die dänische PET die Überwachung. Man habe die mutmaßlichen Terroristen „seit Monaten rund um die Uhr“ im Visier gehabt, sagt Säpo-Chef Anders Danielsson, habe gewusst, dass sie einen Anschlag planten und dass dieser in Dänemark stattfinden sollte. Dass man sie nicht früher festnahm, hatte mit der Beweissicherung zu tun. Lose Pläne sind ebenso wenig strafbar wie die radikalen Ansichten, die einige der Festgenommenen im Internet offenbarten.

 

„So ernst war es noch nie“

Doch als die drei am Mittwoch die Kopenhagener Vorstadtwohnung verließen, konnte die Polizei nicht mehr zögern. Der Anschlag habe „unmittelbar bevorgestanden“, sagt PET-Chef Jakob Scharf: entweder in den nächsten Stunden oder spätestens am Neujahrstag. Am Donnerstag wurden die drei Männer wegen unerlaubten Waffenbesitzes und der Vorbereitung terroristischer Handlungen einem Haftrichter vorgeführt, der sie für zunächst vier Wochen hinter Gitter brachte. Sie bestreiten jede Schuld. Auch in Stockholm sitzt ein Verdächtiger in Untersuchungshaft.

Die Polizei glaubt, dass die Gruppe in „Politikens Hus“ eindringen und unter den tausend Mitarbeitern ein Blutbad anrichten wollte. Dass es wegen des Baus einer neuen Kontrollschleuse dort derzeit eine Sicherheitslücke gibt, weckt den Verdacht, dass es einen Insider geben könnte, der den Verhafteten einen Tipp gab.

Die Männer hätten Verbindungen zu internationalen Terrorgruppen, sagt Scharf. Möglicherweise wollten sie Pläne umsetzen, die der in Chicago inhaftierte David Headley ausgeheckt hat. Headley hat gestanden, an den Terrorüberfällen in Bombay (Mumbai) beteiligt gewesen zu sein, die vor zwei Jahren 166 Menschen das Leben kosteten. Und er hat auch Jyllands-Posten ausspioniert, um das Hauptquartier entweder mit einer Autobombe in die Luft zu sprengen oder die Journalisten zu ermorden und ihre Köpfe auf die Straße zu werfen.

„Oh nein, nicht schon wieder“, sei die erste Reaktion seiner Kollegen gewesen, als sie von den neuen Anschlagsplänen hörten, berichtet Bo Jørgensen, der Vertrauensmann der Jyllands-Posten-Journalisten: „Beim letzten Mal war es ein amateurhafter Einzelgänger, jetzt waren es offensichtlich fünf Täter mit militärischer Planung. So ernst war es noch nie.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2010)