Schnellauswahl

"Rettung" der Euro-Problemländer läuft nicht so glatt

(c) AP (SVEN KAESTNER)

Griechenland fällt hinter seinen Sanierungszielen zurück. Auch Irland-Gläubiger müssen bereits Federn lassen. Und jetzt kommt auch nocht Portugal. Jeder Dominostein der fällt, bringt einen anderen ins Wackeln.

Wien. Griechenland ist mit Geldinjektionen zumindest vorläufig gerettet worden, Irland ist unter den von der EU und dem Internationalen Währungsfonds aufgespannten „Rettungsschirm“ geschlüpft, und Portugal wird das wohl demnächst tun. Und wie geht es dann weiter? Ist die schwere Krise der Gemeinschaftswährung dann unter Kontrolle?

Ernsthaft glaubt das niemand. Denn jeder Dominostein, der fällt, bringt einen anderen ins Wackeln. Portugal ist hoch bei spanischen Banken verschuldet – und Spanien gilt ja auch nicht gerade als Hort der Eurostabilität. Italien stöhnt unter hoher Schuldenlast, Belgien gilt wegen seiner politischen Instabilität als gefährdet, und neuerdings droht sogar Frankreich der Verlust des besten Schuldenratings (AAA).

Was kein Wunder ist: Französische Banken haben in sehr hohem Ausmaß Staatsanleihen der sogenannten PIGS-Staaten (Portugal, Irland, Griechenland und Spanien) in ihren Beständen. Selbst die innerhalb der Eurozone als Musterland da stehenden Deutschen müssen sich Sorgen machen: Ihre Banken sind mit 418 Milliarden Euro in PIGS-Staatsanleihen engagiert. Kommt es zum „Haircut“, also zu einer teilweise Schuldenstreichung in diesen Ländern, dann ist selbst in Deutschland eine neue staatliche Bankenrettungsrunde fällig.

Ein solcher „Haircut“ ist aber nicht auszuschließen. Denn die Eindämmung der Krise auf ein paar kleinere Problemstaaten funktioniert nicht so, wie es die Retter gerne hätten. Im Gegenteil: Die viele Milliarden teuren Rettungsmaßnahmen haben das Grundproblem wahrscheinlich nur ein bisschen verschoben.

In Griechenland auf jeden Fall: Dort läuft die Sanierung schon jetzt nicht mehr rund. Und viele Finanzexperten gehen davon aus, dass es nur eine Frage von zwei oder drei Jahren ist, bis der durch die heurige Rettungsaktion aufgeschobene „Haircut“ dann doch durchgeführt werden muss.

 

„Haircut“ bei Anleihen unausweichlich

Besitzer von griechischen Staatsanleihen müssen also damit rechnen, dass sie nur einen Teil ihres Geldes wiedersehen werden. Wahrscheinlich 60 bis 70 Prozent. Betroffen davon sind überwiegend Banken und Fonds im Euroraum.

Der Rettungsplan hat vorgesehen, dass Griechenland sein ausuferndes Budgetdefizit im Gegenzug zu den Euro-Finanzhilfen durch ein rigides Sparprogramm sehr schnell herunterfährt. Aber schon nach wenigen Monaten zeigt sich, dass der Plan nicht aufgeht: Bis Jahresende hätte das Defizit um ein Drittel zurückgefahren werden müssen. Ende November stand man aber erst bei 27 Prozent.

Der Grund: Die Regierung in Athen hat zwar ihr Sparprogramm einigermaßen rigid durchgezogen, war aber in ihrem Kampf gegen die ausufernde „Steuervermeidung“ ziemlich erfolglos. Das Ziel, die Steuereinnahmen um 13,7 Prozent zu steigern, musste auf sechs Prozent mehr als halbiert werden. Und selbst dieses Ziel wird nicht ganz halten.

Griechenland ist allerdings vergleichsweise klein, ein „Schnitt“ bei den Staatsanleihen wird deshalb wohl nur wenige institutionelle Gläubiger in ihrer Existenz gefährden. Dasselbe gilt im Prinzip auch für Irland, das durch seine Banken in beträchtliche Schieflage gebracht wurde (und für deren Rettung ein Budgetdefizit von 32 Prozent in Kauf nehmen musste). In Irland wurde nicht mit direkten Zuschüssen, sondern mit dem aus Garantien bestehenden „Euro-Rettungsschirm“ gearbeitet. Die Euroländer und der IWF haben die 85 Hilfsmilliarden für Griechenland also nicht direkt aufgebracht. Erst wenn die Garantien schlagend werden, wird das Geld fällig.

 

Private Gläubiger zur Kasse

Die privaten Gläubiger (wieder überwiegend Banken, zu einem großen Teil aus Großbritannien, Deutschland und Frankreich) müssen dort aber jedenfalls Haare lassen: Während auf EU-Ebene noch über eine „Beteiligung“ der Anleihegläubiger an der Sanierung heftig diskutiert wird, hat die schwer in Schieflage gekommene Anglo Irish Bank mit den Haltern ihrer nachrangigen Anleihen (immerhin 1,5 Mrd. Euro Volumen) bereits einen 80 prozentigen „Haircut“ vereinbart. Die Gläubiger bekommen also nur 20 Prozent ihres Geldes zurück. Der Damm gegen die Gläubigerbeteiligung zeigt also erste große Risse.

Und jetzt kommt auch noch Portugal. Der Chefökonom der Deutschen Bank, Thomas Mayer, hält ein Aufspannen des Rettungsschirm über Portugal für unausweichlich und rät, dieses möglichst schnell zu tun. Denn im Jänner wird die internationale Spekulation auf die Wackelkandidaten wieder losgehen.

Bis das auf Touren kommt, sollte aber klar sein, wohin die Reise geht. Probleme in Griechenland, Irland und Portugal halten die Gläubiger nach Ansicht des deutschen Experten selbst dann aus, wenn es zu größeren Forderungsverzichten kommt. Aber dann ist Schluss.

Wenn die Euroländer koordiniert vorgehen, könnte das tatsächlich gelingen. Denn die übrigen Wackelkandidaten – Spanien, Belgien und Italien – stehen aus heutiger Sicht wesentlich besser da als Griechenland, Irland oder Portugal. Spanien hat – noch – eine relativ geringe Gesamtverschuldung, das hoch verschuldete Italien ist mit relativ geringen Defiziten durch die Krise gekommen, und das wirtschaftlich starke Belgien leidet „nur“ an politischen Wirren. Wie man gesehen hat, kann so etwas aber leicht außer Kontrolle geraten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2010)