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Randerscheinung

Bevor das Ökosystem kippt

Carolina Frank
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Man kann in komplexen Systemen schlecht abschätzen, wie es sich auswirkt, wenn man auch nur an einer Schraube dreht. Irgendwo eine fremde Fischart eingesetzt in ein Gewässer – und kurz darauf kippt das Ökosystem.

Beim Spazierengehen nahe der Donau mit dem Hund komme ich also an einer „Versuchsfläche zur Bekämpfung des japanischen Stauden­knöterichs“ vorbei. Der Knöterich, dieser grüne Unhold, bringt offenbar die heimische Flora rabiat durcheinander, weshalb auf der Versuchsfläche ­Weiden, Schwarz- und Silberpappeln gepflanzt werden. In deren Schatten gedeiht der Knöterich nicht so prächtig.

Dem Hund, der in dem Versuchsareal verschwindet, ist das freilich egal. Aber so ist das, man kann in komplexen Systemen schlecht abschätzen, wie es sich auswirkt, wenn man auch nur an einer Schraube dreht. Irgendwo eine fremde Fischart eingesetzt in ein Gewässer – und kurz darauf kippt das Ökosystem. Deshalb ist es ja auch so einfach, alle Pläne ­derjenigen, die etwas unternehmen wollen, für untauglich zu erklären. Einfach einmal irgendwo anfangen, anders fahren, heizen, verbrennen, benützen, sich ausbreiten, verbrauchen, fliegen, wegschmeißen oder mehr achtgeben? Kann nicht funktionieren, bringt doch eh nichts, zu naiv! Festkleben und anschütten geht auch gar nicht, zuhören und dann etwas ändern ist aber auch nicht im Angebot. Dann lieber gleich weitermachen wie bisher.

Aber wenn es dann dringend sein muss, ist die Abhängigkeit von russischem Gas beispielsweise in ein paar Monaten, sicher aber in ein, zwei Jahren Geschichte, bis dahin galt sie aber wie Schicksal als unabänderlich. Dabei ist es überall wie mit dem japanischen Staudenknöterich, will man etwas gegen ihn unternehmen, muss man es ernst meinen und irgendwo beginnen. Der Knöterich packt seine Stauden auch nicht frei­willig zusammen, sondern will mit Pappel und Weide vertrieben werden. Na egal, ich muss jetzt schauen, wo sich der Köterich herumtreibt. 

("Die Presse Schaufenster" vom 25.11.22)