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Die Ich-Pleite

Zugscham gibt es nicht

Carolina Frank
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Immer mehr Menschen steigen auf die klimagünstigere Alternative um. Mit so viel Zuneigung kann die Bahn offenbar nicht gut umgehen.

Gut, es stimmt, Zugscham gibt es nicht. Weil schließlich weiß jedes Kind, dass es klimatechnisch gar keine bessere Reisemethode gibt. Außer zu Fuß gehen vielleicht. Aber ich schlage trotzdem vor, Zugscham in den Wortschatz aufzunehmen. Man wird es noch brauchen. Vor allem als Auskunftsperson einer Bahngesellschaft.

Immer mehr Menschen steigen auf die klimagünstigere Alternative um. Mit so viel Zuneigung kann die Bahn offenbar nicht gut umgehen. Überbuchungen hat es früher jedenfalls weniger gegeben. Bettwanzen auch nicht, wie neulich im Nightjet von Amsterdam nach Wien. Und unpünktlicher werden die Züge auch. Rein statistisch gesehen zwar weniger, denn da ist alles, was unter fünf Minuten 30  Sekunden Verspätung liegt, pünktlich. Aber das nützt einem auch nichts, wenn man zum Beispiel von Wien ins Salzkammergut reisen will. Denn dann hat man immer nur vier Minuten Zeit fürs Umsteigen. Das ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven. Der Regionalzug wartet manchmal, der Railjet nie.

Vielleicht ist es auch eine Versuchsanordnung. Wie reagiert der Mensch in aussichtslosen Verknappungssituationen. Ich kann nur sagen: Es spielen sich Tragödien ab. Ich habe Passagiere gesehen, die zurück­bleiben, um Müttern mit ihren Kinder­wägen zu helfen, Jüngere, die die ­riesigen Koffer von Älteren schleppen. Aber nur wenige schaffen es. Transportation of the fittest.

Als Ortsfremde regt man sich noch auf. Ich habe mit ­Leuten am Bahnsteig geredet. Den Anschluss erwische ich nur jedes zweite Mal, sagt ein Mann mittleren Alters. Gar nicht auszudenken, wenn man weiter reisen würde. Sagen wir, nach Athen. Bei jedem Umsteigen ­dasselbe Drama. Und das schreibe ich nicht, weil ich eine Ausrede suche, doch das Flugzeug zu nehmen. 

("Die Presse Schaufenster" vom 25.11.2022)