Die Debütantin Vanessa F. Fogel erzählt von der Reise eines Shoah-Überlebenden und seiner Enkelin an die Kriegsschauplätze in Polen – und von einer Kindheit im Krisengebiet Israel.
179504. Das ist die Nummer, die Mosha seit der Zeit im Lager auf seinem Unterarm trägt. „Porentiefe Pigmente, die die Landschaft seines Körpers mehr prägen als alle anderen Merkmale, mit denen er geboren ist.“ Von Moshas Enkelin Fela stammen diese Zeilen. Sie hat ihren Großvater nach Polen begleitet. Dorthin, wo er bis 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert war und als einer von wenigen im Mai 1945 den Todesmarsch aus dem Lager überlebte.
Der Großvater will der Enkelin von seinen Erlebnissen erzählen, damit sie „ein Buch“ darüber schreibt. Die Enkelin hofft, auf dieser Reise zu erfahren, warum die Erlebnisse der Großeltern bis heute Einfluss auf sie und ihre Familie haben. Vanessa F. Fogel hat in ihrem Debütroman vieles von ihrer eigenen Geschichte verarbeitet. Auch sie ist Enkelin von Shoah-Überlebenden, in Deutschland geboren, in Israel aufgewachsen, in New York erwachsen geworden und lebt heute wieder in Israel. Fogel könnte die Tochter von Lily Brett sein, der US-Bestsellerautorin, die Ende der 1990er Jahre auf humorvolle Weise das komplizierte Leben jüdischer Kinder von KZ-Überlebenden skizzierte, einer Generation, die ständig Schuldgefühle am Leid ihrer Eltern mit sich trägt. Auch Brett schildert in „Zu viele Männer“ eine Reise mit ihrem Vater in dessen Heimat Polen. Nun ist also die Enkelgeneration an der Reihe und damit vermutlich die letzte Generation, die mit Shoah-Überlebenden aufgewachsen ist. Sie sind die Letzten, die die Geschichten ihrer Familie aufschreiben können, ein Buch schreiben können, so wie es Mosha will.
Was hat Vanessa F. Fogel aus der Bitte ihres Großvaters gemacht? Die Erzählung ist erstaunlicherweise schwerer als jene Geschichten von Lily Brett; in weiten Teilen viel naiver, aber auch neugieriger. Die Fragen sind viel direkter, die Schilderungen der NS-Gräueltaten wirken aber ansatzweise wie nüchterne Berichte in Schulbüchern. Der Grund für den ernsthafteren Ton, den Mangel an Humor – wenn es auch der sprichwörtliche „Galgenhumor“ ist – könnte daher rühren, dass Fogel aus einer vollkommen anderen Perspektive schreibt als etwa – um beim Vergleich zu bleiben – Lily Brett. Sie ist in Israel aufgewachsen, weiß also selbst, was Krieg bedeutet. Auch die Ich-Erzählerin Fela wächst im Krisengebiet Israel auf, sie kennt Bombendrohungen, das Warten im Luftschutzbunker. Sie lebt „in einem Land, in dem Angst ein Alltagsgefühl ist“.
Doppelte Aufarbeitung. Somit ist „Sag es mir“ eine doppelte Aufarbeitung: die der Geschichte der Großeltern und die der eigenen unsicheren Kindheit. Auf der Reise erkennt Fela Verbindungen: Dass sie als junges Mädchen mit 14 plötzlich zu essen aufhörte, könnte daran liegen, dass Moshas Schwester, die Frau, deren Namen sie trägt, im selben Alter in einem Lager verhungert ist.
Zwischen starken Passagen wie dieser neigt Fogel streckenweise zur Schwafelei. Sie erzählt langatmig und sprachlich uninteressant aus der Kindheit – wobei man der Debütantin die zum Teil holprige Sprache wohl verzeihen muss, da ihr Text aus dem Amerikanischen übersetzt wurde. Am Rande erzählt sie auch von einer Generation, die es besonders schwer hatte: ihren Eltern. Kurz nach dem Krieg geboren, sind sie mit dem Wissen um das Schicksal der eigenen Eltern aufgewachsen, haben später in Israel Ruhe und Sicherheit gesucht und sie just verloren, als die eigenen Kinder geboren wurden. So gibt es in Felas Leben noch einen weiteren Krisenherd: die Ehe ihrer Eltern. Die Mutter wollte nie nach Israel, der Vater als überzeugter Zionist nur dorthin. Als Fela 15 ist, trennen sie sich, sie geht mit der Mutter nach New York.
Als wäre das noch nicht Stoff genug, bettet Fogel ihre Erzählung in eine Liebesgeschichte ein. Noch am Tag vor der Abreise nach Polen schläft Fela erstmals mit einem Mann, der sie an ihren Jugendfreund Lior erinnert. Es wird ihr klar, wie sehr sie diesen Mann liebt, der heute als Soldat in Israel lebt. Am Ende lässt sich Fela Liors Gesicht ins Becken tätowieren. „So tief wie die Tätowierung meines Großvaters.“ Ein nicht besonders geglückter Vergleich. Insgesamt wollte die Autorin zu viel Stoff in ihr erstes Buch packen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.01.2011)