Walzer: Plötzlich klang es wie Wagner!

Ploetzlich klang Wagner
Ploetzlich klang Wagner(c) EPA (HANNIBAL HANSCHKE)
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Aus der Lust am Anfassen ist das pure Hörvergnügen geworden: wienerische Bewegungssucht und die seltsame Karriere des Walzers und der »Sträuße«.

Einmal mehr, einmal weniger gesittet“ und „oft sogar in ausgelassene Fröhlichkeit ausartend“ – so beschreibt ein Tanzlehrbuch im Jahre 1805 das „Walzen“. Der Paartanz, bei dem sich die Tanzenden berühren durften und in fortwährender Drehbewegung die Tanzfläche umrundeten, war zu einer Art Sucht geworden. Bei Hofe noch verpönt wegen des unvermeidlichen Gegrapsches, das damit verbunden war, nahm das Walzen auf den bürgerlichen Tanzböden recht derbe Auswüchse an.

Gehüpft wurde der Tanz im allgemeinen Gebrauch zunächst. Erst mit den gebohnerten Parketten der großen Ballsäle im Wiener Vormärz kam das „Schleifen“ auf. Die Tanzbewegung, wie sie bis heute bekannt ist, entwickelte sich im wahrsten Sinne des Wortes schrittweise.

Wenn Schubert anlässlich der berühmten „Schubertiaden“ am Klavier saß und im Dreivierteltakt improvisierte, nannte man die Stücke noch abwechselnd Deutsche Tänze oder Ländler. Das Walzen war die dazugehörige Bewegung. Erst mit der Zeit hieß auch die Musik ein „Walzer“. Oder besser „die Walzer“, denn man musizierte in Ketten, viele kleine Walzermelodien hintereinander.

Die von späteren Kommentatoren mühevoll konstruierte Unterscheidung der Gattungen – „Ländler“ (langsam), „Deutscher“ (ein wenig rascher), „Walzer“ (rasch) – bleibt artifiziell. Manche Zeitgenossen empfanden gewiss die hinreißenden Trios in einigen Menuetten von Joseph Haydns „Londoner Symphonien“ schon als Walzer, zum Walzen geeignet jedenfalls.

Zunächst hieß es „die Walzer“. Wenn die Gründerväter der wienerischen Tanzmusik-Vermarktung, Joseph Lanner und Johann Strauß Vater, ihre „ersten Gedanken“ – August Lanners Opus eins wird 1853 so heißen – publizieren, dann heißt jede Komposition, die aus mehreren Walzermelodien zusammengefügt ist, noch „die Walzer“. Die später gepflegte quasisymphonische Melange aus Introduktion, Walzerkette und resümierender Coda hat offenbar Carl Maria von Weber erfunden. Seine Klaviersuite „Aufforderung zum Tanz“ wird zum Vorbild für alle folgenden, in sich geschlossenen Walzerkompositionen.

Hector Berlioz, Enfant terrible der französischen Musikszene jener Ära – und alles andere als ein Komponist von Unterhaltungsmusik –, setzt Webers Stück für Orchester. Er hebt auch den Walzer in die Höhen der Kunstmusik. Der zweite Satz seiner „Symphonie fantastique“ („Ein Ball“) ist ein elegant-geschmeidiger Konzertwalzer.

Berlioz war ein glühender Bewunderer der Kunst von Strauß Vater und hat als Rezensent – wie übrigens auch Richard Wagner – diesem „Dämon des musikalischen Volksgeistes“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

Da war der Walzer schon bei Hofe zugelassen und hatte sich zum schicken Modetanz gemausert. Aus den willkürlich gereihten Walzerketten waren inzwischen nach kompositorischem Plan durchgebildete kleine symphonische Kunstwerke geworden. Es dauerte nicht lange, bis das Publikum das auch zu würdigen wusste und einer Novität aus der Feder eines Strauß stehend zuhörte, um mit mehr oder weniger heftigem Applaus den Erfolg des musikalischen Kunstwerks zu würdigen. Erst die Wiederholung wurde getanzt.

Drei Orchester reichten nicht. Die Brüder Johann, Joseph und Eduard konnten, jeder für sich, auch mit drei Orchestern die Walzerlust der Wiener zu Zeiten kaum befriedigen. Ihre Auftritte wurden von Ball- zu Konzertereignissen. Es wurden Sitzreihen aufgestellt wie im Opernhaus und mit dem Tanzen war Schluss. Wie die Wiener Philharmoniker im Neujahrskonzert präsentierten die Strauß-Kapellen bereits Musik zum Hören.

Nur so sind subtile kompositorische Finessen, wie sie ein Joseph Strauß etwa in den Einleitungen zu seinen „Sphärenklängen“ oder „Delirien“ präsentiert, überhaupt denkbar. Dass es da nach Wagner klingt, verwundert nicht. Joseph Strauß war – nach den erfolglosen Versuchen des Hofopern-Ensembles, die Oper einzustudieren – der Uraufführungsdirigent des „Tristan“-Vorspiels!

Und Eduard Hanslick, der strenge Wiener Kritiker, der allem Avantgardistischen abhold war, klagte Johann Strauß bereits Mitte der Fünfzigerjahre an, statt duftig-eleganter Tanzmusik nur noch „Walzer-Requiems“ zu komponieren. Wer heuer während der Übertragung des Neujahrskonzertes aufpasst, wird erkennen, was Hanslick meinte, wenn die Franz Liszt, einem der führenden „Neutöner“ jener Generation, gewidmeten „Abschiedsrufe“ erklingen. Das ist über weite Strecken mehr symphonische Dichtung als Tanzmusik, was da erklingt.

Immer bot man in Strauß-Konzerten ja auch Klassisches von Mozart oder Beethoven und wichtige Stücke der damaligen Moderne. Die Spielkultur der Orchester war schon von Strauß Vater mit eiserner Probendisziplin auf eine singuläre Höhe gehoben worden. Seine Konzertreisen – die ersten Orchestertourneen der Geschichte – waren auch wegen der allseits unbekannten Präzision und Geschliffenheit des Musizierstils Ereignisse.

Weltweite Vermarktung. Die internationale Vermarktung musikalischer Kunst begann recht eigentlich mit den Strauß'schen Reiseaktivitäten, die von den Söhnen perfektioniert wurden. Das rentierte sich bald: An einem einzigen Abend in London nahm Strauß Vater so viel ein, wie ein Wiener Gymnasiallehrer in drei Jahren verdiente.

Ein Geschäft hat man aus der Dreivierteltakt-Laune in Wien also nicht erst seit den weltweiten TV-Übertragungen des „Neujahrskonzertes“ zu machen verstanden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.01.2011)

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