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Management

Was die Krise der westlichen Zivilisation für Manager bedeutet

Kolumne "Hirt on Management": Folge 189.

„Zivilisationen sterben nicht, sie begehen Selbstmord“, schrieb der britische Geschichtsphilosoph und Verfasser des Monumentalwerks "A Study of History" (Der Gang der Weltgeschichte), Arnold J. Toynbee (1889-1975).

Und in der Tat, auch dem, sogar nur oberflächlichen, Beobachter der Entwicklung der westlichen Zivilisation in den letzten 100 Jahren muss es wohl aufgefallen sein, dass die westliche Zivilisation in einer unaufhaltsamen Abstiegsspirale von Fehlern, Selbstzweifeln, neuerlichen Fehlern & Katastrophen und so weiter, stecken geblieben zu sein scheint.

Auch der zeitgenössische Historiker und Erfolgsautor Niall Ferguson schreibt „die westliche Welt befindet sich im Niedergang“. Er betont aber auch, dass es sich hierbei nicht um einen Determinismus handelt, der Niedergang ist nicht unaufhaltsam. Die Würfel sind noch nicht endgültig gefallen. 

Was das für Managerinnen und Manager bedeutet

Von der Politik ist nicht viel zu erwarten, aber die Managerinnen und Manager können als verantwortliche Bürgerinnen und Bürger eine Schlüsselrolle für die gelingende Zukunft der westlichen Zivilisation einnehmen. 

Mitarbeiterführung jenseits der Technokratie und reinen Profitorientierung

Mitarbeiterführung ist kein rein funktionaler und technokratischer Prozess, der auf einer rein vertraglichen Beziehung beruht (contractual relationship), sondern es gibt darüber hinaus, eine Vertrauensbeziehung und eine gegenseitige Verantwortung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter, sozusagen ein Bund (covenental relationship), der geschlossen wird.

Dieser Bund erfordert von der Führungskraft, sich menschlich, professionell und korrekt zu verhalten und zu verstehen und in der Praxis umzusetzen, dass Menschen zu führen, bedeutet, diese zu ermutigen, zu stärken und zu ihrem maximalen Potenzial als Mensch hin zu führen („Leben wecken“, A. Grün), und eben nicht nur zu ihrem maximalen funktionalen Leistungspotenzial als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. 

Management als menschliche und spirituelle Aufgabe

Management ist, richtig verstanden, eben nicht nur eine technokratische Aufgabe, sondern eine tiefe und bedeutungsvolle, menschliche und spirituelle (Sie haben richtig gelesen!) Aufgabe, für die man auch das entsprechende intellektuelle und spirituelle Rüstzeug benötigt, das sich nicht beim Heurigen und schon gar nicht an den, meist rein technokratisch-materialistischen, Wirtschaftsuniversitäten, Juristischen- und Ingenieurs-Fakultäten, von denen die meisten Top- Manager*innen kommen, erwerben lässt. 

Schritt 1: Die westliche Zilvilisation verstehen

Der erste Schritt wäre sicher, die Geschichte und Werte der westlichen Zivilisation mit all ihren Leistungen, aber auch ihren Fehlern und Fehlleistungen, genauer zu verstehen und kritisch, aber reif zu würdigen. 

Insbesondere gilt es zu verstehen, was eigentlich das westliche Wertesystem ausmacht und wo dieses durch marxistisches, aber auch fehlgeleitetes neoliberales Denken und Handeln unterwandert wurde.

Viel zu viele Manager und Managerinnen haben ein oberflächliches und falsches Bild der westlichen Zivilisation und setzen diese mit Kapitalismus und freiem Wettbewerb gleich. Das ist ein schwerwiegender Irrtum. 

Auch gilt es zu erkennen, dass die westliche Zivilisation unglaubliche Leistungen erbracht hat, von denen heute noch die ganze Welt profitiert und, dass wichtige Grundlagen dieser Leistungen wie z.B. Selbstbestimmung, Selbstverantwortung, Freiheit, Grundrechte, der Rechtsstaat, Demokratie, Privateigentum, Rationalität, die wissenschaftliche Methode (und ihre beeindruckenden Ergebnisse in der Medizin und vielen anderen Disziplinen), Toleranz, Glaubensfreiheit, Pluralismus, Marktwirtschaft, Wettbewerb, Leistungsfreiheit, Solidarität, der Sozialstaat und Technologieoffenheit weiterhin wichtige, valide und mächtige Instrumente sind, um die Welt positiv zu gestalten. 

Wenn wir uns auf unsere Werte und unsere Grundlagen besinnen und diese wieder zum echten Zentrum unserer Arbeitsweise und unseres Lebens machen, dann hat der Westen eine Chance sich wieder nach vorne zu kämpfen und seinen Niedergang zu stoppen, sogar eine neue Renaissance einzuleiten. 

Schritt 2: Eigene Lebensprinzipien und Wertesystem klären

Der zweite Schritt wäre, sich über Lebensprinzipien und das eigene Wertesystem Gedanken zu machen, und auch da zu sehen, wo Ballast abgeworfen werden muss und wo Anpassungen und Verbesserungen notwendig sind.

Dazu gehört natürlich auch die Auseinandersetzung mit praktischer Philosophie (also der Frage: „Wie gestaltet man ein gelingendes Leben?“), Ethik und den Grundfragen des Menschseins, also natürlich auch die Frage unserer Endlichkeit, der Transzendenz und des persönlichen Zugangs zur Spiritualität. 

Schritt 3: Eigenes Verhalten konsistent machen

Der dritte Schritt wäre, sich über das eigene Verhalten Gedanken zu machen, und zu sehen, wo dieses zu den Prinzipien eines gelingenden Lebens und zu den eigenen Werten passt, und wo noch Defizite oder Inkonsistenzen da sind, und welcher Handlungsbedarf daraus ergibt.

Schritt 4: Als Führungskraft nach Außen glaubwürdig wirken

Erst im vierten Schritt, kann ich zur glaubwürdigen Führungskraft werden, denn die erfolgreiche Umsetzung in der Führung wird nur dann gelingen, wenn Führungskräfte an der Spitze nicht nur fromme Sprüche klopfen (Stichwort, der derzeit in aller Munde befindliche „Purpose“), sondern den Worten auch Taten folgen lassen und insbesondere selbst in Verhalten und Entscheidungen und in deren Umsetzung glaubwürdige Vorbilder sind.

Das Wichtigste in Kürze

Die westliche Zivilisation befindet sich im Niedergang. Dieser Niedergang ist aber nicht unaufhaltsam. Von der Politik ist nicht viel zu erwarten, aber die Managerinnen und Manager können als verantwortliche Bürgerinnen und Bürger eine Schlüsselrolle für die gelingende Zukunft der westlichen Zivilisation einnehmen. Das erfordert sich in Bewegung zu setzen, um die westliche Zivilisation richtig zu verstehen, sich selber richtig zu verstehen und gezielt weiter zu entwickeln, um dann als Führungskraft ein glaubwürdiges Vorbild zu sein.

 

Schicken Sie Ihre Fragen an Michael Hirt an: karrierenews@diepresse.com

Die Fragen werden anonymisiert beantwortet.

Ausblick: Die nächste Kolumne von Michael Hirt erscheint am 15. Dezember 2022 zum Thema: „Von den Römischen Legionen für die Mitarbeiterauswahl lernen“

Hier finden Sie die gesammelten Kolumnen.

Michael Hirt ist Managementexperte und -berater, Executive Coach, Keynote Speaker und Buchautor. Hirt verhilft Führungskräften zu außergewöhnlichen Leistungs- und Ergebnissteigerungen, mit hoher Auswirkung auf den Erfolg ihres Unternehmens. Er studierte in Österreich, den USA (Harvard LPSF) und Frankreich (INSEAD MBA) und ist weltweit tätig.

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