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Artenschutz

Artenschutz: Weder Vorreiter noch Musterschüler

Naturbelassene Zonen gibt es nur noch wenige (wie hier im Rothwald an der Grenze von Niederösterreich und der Steiermark)Theo Krust
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In der nächsten Woche startet die Artenschutz-Konferenz in Montreal. Österreich hat seine Hausaufgaben bisher noch nicht gemacht.

Die Ziele sind ambitioniert, die Umsetzung nicht: Dies gilt global wie national – das ist die Momentaufnahme, bevor in der nächsten Woche die Konferenz der Unterzeichner der Konvention zur Erhaltung der Artenvielfalt an den Start geht. Es ist das 15. Treffen zu diesem Thema (COP 15). Der Verlust von Artenvielfalt ist mindestens von einer solchen Tragweite wie die fortschreitende Klimakrise.

Wenn von Biodiversität die Rede ist, dann springen Bilder des abbrennenden Regenwalds im Amazonasgebiets ins Gedächtnis, weniger der Artenverlust hierzulande. Doch richten wir unseren Blick darauf, was gewissermaßen vor der Haustür geschieht.

Österreich hat etwa 15 % der Fläche als Natura 2000-Gebiet ausgewiesen. Den Rahmen für derartige Gebiete geben zwei EU-Richtlinien vor, jene für Flora, Fauna, Habitat (FFH) und jene für den Schutz bedrohter Vögel. Diese Zonen sind seit Jahrzehnten Stein des Anstoßes zwischen Österreich und der EU-Kommission, die immer wieder Missstände bemängelt. Für viele Jahre ging es darum, dass zu wenig Flächen unter Schutz gestellt worden sind, während jetzt das Management dieser Gebiete im Mittelpunkt der Kritik steht.

Ein EU-weiter Vergleich zeigt den Handlungsbedarf auf: Von damals noch 28 Mitgliedsländern belegte Österreich Rang 27 beim Schutz von insgesamt 207 Arten. Und bei der performance der 72 Lebensräume belegt Österreich Rang 18. Arno Aschauer, Sprecher für Artenschutz beim World Wide Fund for Nature (WWF): „Es geht nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität des Schutzes.“ Er kritisiert in punkto Artenschutz „Jahrzehnte des Stillstands.“ Von entscheidender Bedeutung sei es, die neun Bundesländer und den Bund in ein Boot zu bekommen. Derzeit bleiben selbst engagierteste Initiativen beim Schutz von Lebensräumen und Arten im Netz der teils völlig undurchsichtigen Zuständigkeiten hängen.

Ursula Bittner, Artenschutz-Sprecherin bei Greenpeace, erinnert an das Ziel, bis 2030 nicht weniger als 30 Prozent unter Schutz zu stellen. Ein derartiges Ziel ist Thema auf der bevorstehenden Konferenz in Montreal, ist aber auch auf EU-Ebene und in Österreich grundsätzlich bereits beschlossen (wiewohl die konkrete Umsetzung ungeklärt ist).

Offen ist dabei bisher auch geblieben, wie tief der Schutz der Gebiete greifen soll. Nach offizieller Lesart stehen in Österreich zwischen 22 und 27 Prozent unter Schutz (je nachdem, welche Gebiete in die Berechnung aufgenommen werden und wo die Grenze zwischen Schutzgebieten und Wirtschaftsflächen gezogen wird).

Für Bittner ist das Problem des Artenverlusts national wie international jedenfalls „im roten Bereich“. Ganz anders das Ergebnis, das eine Umfrage ergeben hat, die Greenpeace in Auftrag gegeben hat: Demnach glaubt eine Mehrheit der Befragten, dass Österreich beim Naturschutz ein Musterschüler und ein Vorreiter sei.

Einer der entscheidenden Punkte im Artenschutz ist der Verbrauch an Boden und die Umwandlung von Naturraum in versiegelte Fläche. „Die aktuellen Zahlen belegen, dass es zu keiner substanziellen Verringerung des Bodenverbrauchs gekommen ist und weitere Anstrengungen notwendig sind“, legt eine Auswertung des Umweltbundesamtes dar. „Im Jahr 2021 wurden in Österreich pro Tag zehn Hektar zusätzlich an Fläche beansprucht. Im Durchschnitt der letzten drei Jahre sind es 11,3 ha täglich, die vor allem durch Bautätigkeiten, Verkehr und Betriebsflächen verbraucht werden.“

Nur wenig geringer als im Jahr davor, als täglich 11,5 ha verbraucht worden sind. Im Vergleich ist 2021 das Ausmaß der Flächen gestiegen, die sofort versiegelt, also für Natur dauerhaft verloren worden sind. Bis 2021 sind damit 5800 Quadratkilometer durch menschliche Aktivitäten beansprucht – 18% des Dauersiedlungsraums, 7% der Landesfläche.

Arno Aschauer: „Hier sind vor allem die Bundesländer gefragt.“ Er plädiert für einen nationalen Aktionsplan und dafür, dass sich die Landeshauptleute dieses Themas annehmen. Den Flächenfraß zu stoppen sei Teil der Biodiversitäts-Strategie, die zwar sehr breit diskutiert worden und umfassend ausfgesetzt ist – allerdings noch nicht greifbar und konsequent umgesetzt wird. Wie das Klimaschutzgesetz ist die Strategie ein Zankapfel zwischen den Koalitionsparteien.

>> Neue Auswertung des Umweltbundesamts: Flächeninanspruchnahme in Österreich