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Besprochen

Die Realität der Leinwand

Piper-Verlag
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Die Autorin und ehemalige Schauspielerin Sedef Ecer schreibt über eine Mutter-Tochter-Beziehung in politisch schwierigen Zeiten.

Die Geschichte der türkischen Republik – sie feiert im nächsten Jahr ihr 100-jähriges Bestehen – ist zyklisch in ihren Putschen. Die Coups und auch Putschversuche sind Referenzpunkte, sie haben sich im kollektiven Gedächtnis verankert, haben nicht nur den Werdegang des Staates beeinflusst, sondern auch Familien geprägt, entzweit, verwundet. „Maman, was ist in der Türkei los“, fragt die in Paris lebende Hülya ihre Mutter in Istanbul, als im Juli 2016 Kampfjets über die Stadt fliegen. „Keine Ahnung“, antwortet die alternde Dame lapidar, „Wahrscheinlich wieder ein Putsch.“

Wieder ein Putsch, der Hülyas Familiengeschichte eine neue Drehung gibt; zuvor hatte sich diese von der Mutter entfernt und entfremdet, sich in Frankreich ein sehr französisches Leben aufgebaut, eine Antithese zum Leben ihrer Mutter, einer der schillerndsten Filmschauspielerinnen der Republik, die „Sultanin der Leinwand“. Nun ist Esra Zaman krank, und sie bereitet ihre fürstliche Beerdigung vor, ihre Tochter soll die Grabrede schreiben. Hülya muss sich nun mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, mit ihrer übermenschlichen Mutter, mit dem Verschwinden ihres Vaters nach einem der Putsche. Ecer erzählt in „All die Frauen, die du warst“ insofern eine zutiefst türkische Geschichte, als die Erinnerungen zwischen der bisweilen brutalen Realität und der Leinwand – die türkische Filmwelt prägte Generationen bis in das Mark – verschwimmen. Obwohl Ecers Figuren die Tiefe fehlt, legt sie einen schönen und durchaus aktuellen Roman vor.

Sedef Ecer: „All die Frauen, die du warst“, übersetzt von Sonja Finck, Piper-Verlag, 288 S., 24,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2022)