Das Schauspielhaus nähert sich dem "Sonnenkönig" Bruno Kreisky in zehn Folgen. Die erste reißt thematisch vieles an, zündet aber nicht.
Schon in Minute 27 kommt der Satz. Der Satz, den sogar jene mit ihm in Verbindung bringen, die mit seiner Politik nicht groß geworden sind: „Hab ich schon g'sagt, lernen S'Geschichte?“, fragt Kreisky seinen nervös-devoten Kabinettsmitarbeiter. Spätestens jetzt kann sich der Zuseher fragen, ob es ihn freut, so viele Zitate und Manierismen dieses Politikers zu erkennen – oder ob es ihn langweilt, dass er nicht viel Neues erfährt.
Dabei war Bruno Kreisky, geboren am 22.Jänner 1911, Sohn aus großbürgerlichem jüdischem Haus, erster SPÖ-Kanzler der Zweiten Republik, selbst dafür verantwortlich, dass bis heute viele Zeitgenossen, Journalisten und eben auch Theaterautoren und Regisseure aus einem unendlichen Zitatenschatz schöpfen können, wenn es darum geht, ihn zu porträtieren. Gespeist wird der aus unzähligen Biografien, Interviews, seinen eigenen Memoiren und Fernsehauftritten. Das Schauspielhaus nähert sich dem Kanzler anlässlich seines 100.Geburtstags in einer Form, mit der es schon mehrmals gut gefahren ist: der Serie. Nach der Strudlhofstiege und Betrachtungen zu Sigmund Freud steht nun die Charakterstudie „Kreisky – wer sonst?“ in zehn einstündigen Episoden auf dem Programm. Acht Regisseure gestalten die zehn Folgen, die bis Ende März im Zwei-Wochen-Rhythmus Premiere haben und jeweils dreimal gezeigt werden.
Für die erste Etappe, „Der rote Prophet“, ist Daniela Kranz verantwortlich. Sie zeigt den Politiker zunächst als jungen, eifrigen Kämpfer der Sozialdemokratie. Er hält mit der roten Fahne in der Hand kämpferische Reden und singt mit den Genossinnen und Genossen „Wir sind die Arbeiter von Wien“. Nächste Szene, großer Sprung: Kreisky ist längst Bundeskanzler, umgeben von drei folgsam-fleißigen, rot gekleideten Mitarbeitern (Lisa Wildmann, Marion Reiser), die er abwechselnd väterlich umsorgt („Geh, richten S'sich doch die Hoar“) und streng dazu anhält, jedes Anliegen eines Bürgers persönlich zu erledigen und nicht zu delegieren.
Kreisky als manischer Arbeiter fürs Volk
Wer war Kreisky? Souveräner Staatsmann oder Operettenkanzler? Erneuerer von Österreichs Politik oder doch nur jener „Abonnementbundeskanzler“, als den ihn 1979 Thomas Bernhard beschrieb: „Mit dem besten Schmäh, der keinem nützt und keinem schadet.“ Die erste Folge zeigt ihn vor allem als manischen Arbeiter für das Volk, der von sich so viel verlangt wie von den Mitarbeitern: „Ich würde sagen, dass ich kein angenehmer Chef bin.“ Der Kanzler – in Gestik, Mimik und Ton von Johannes Zeiler sehr gut getroffen – wird aber auch hart kritisiert: Als einer, der mehr Zeit für Journalisten und jammernde Bürger habe als für Akten und fade Büroarbeit. Einer, der rasch die Geduld verliert, überheblich ist, gern Geschichten erzählt.
Viel wird angerissen: Kreiskys Konflikt mit dem jungen Finanzminister Hannes Androsch (Christoph Rothenbuchner), sein widersprüchliches Verhältnis zu Frauen, seine Zeit im schwedischen Exil, die unermüdliche Auseinandersetzung damit, wer oder was „die Partei“ ist. Das Stück gleitet stellenweise in Slapstick ab, die Schauspieler scheinen noch nicht ganz in ihre Rollen gefunden zu haben. Das Publikum blieb bei der Premiere zu Silvester verhalten. Bleibt zu hoffen, dass die nächsten Folgen mehr in die Tiefe gehen und einen Sog entwickeln, der dazu einlädt, bis Episode zehn durchzuhalten.
Weitere Vorstellungen: 6., 7., 8.1., je 20.30 h. Zweite Folge „Der Gefühlsmarxist“ ab 13.1.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2011)